LIPSCHÜTZ, Baruch-Isaak, Dr., bürgerlich Isidor LÜPSCHÜTZ oder LIEPSCHÜTZ
Geb. 27. Juli 1812 in Wronki (Wronke) in der späteren Prov. Posen,
Gest. 18. Dez. 1877 in Berlin
Sohn des nachmaligen Danziger Rb. Israel L., Elementarbildung durch Hauslehrer, Rabbinatsdiplome aus Inowrocław (Inowrazlaw) und Czarnków (Czarnikau)
1833 Rb. in Wronki, wird von Akiba Eger wegen seines jungen Alters 1838 suspendiert, Bewerber um das Rt. der neuen Gem. in Bydgoszcz (Bromberg, 1839), Vorbereitung zum Abitur „auf Privatwege“, dann Studium in Berlin und Verheiratung, 1843 Prediger der „Brüdergemeinde“ in Posen
legt 1846 sein Amt nieder und wird Rb. in Gorzów Wielkopolski (Landsberg a. d. Warthe) in Ostbrandenburg. Muß auch dieses Amt aufgeben
später ging das Gerücht, „als hätte ich, während meiner Rabbinatsverwaltung in Landsberg a. W. durch liebloses Betragen Spaltung und Hader bei der dort. isr. Gem. hervorgerufen“ (Brief 9. Mai 1852 im LHA Schwerin). 1847 Bewerber in Kassel, wurde von der kurhess. Regierung 1848 zum Landesrb. ernannt, konnte aber wegen der Revolutionswirren sein Amt nicht antreten, lebt daraufhin als Privatgelehrter in Amsterdam mit orientalistischen Studien in der Kgl. Bibliothek Leiden
2. Aug. 1849 prom. Jena. 1850 Rb. in Frankfurt/Oder. Unter Ablehnung eines Rufes nach Endingen, Schweiz, wird er 1853 mecklenburg-schwerinischer Landesrb. in Schwerin. Da seine Orthodoxie hier nicht weniger Probleme schafft als das Reformjudentum seiner Vorgänger Holdheim und Einhorn, wird er zu Michaelis 1858 seines Amtes enthoben. Er lebte fortan als Privatgelehrter in Hamburg, war dort insbes. als Talmudlehrer und Prediger bei der orthodoxen Bruderschaft „Etz Chaim“ aktiv
1870 ließ er sich in Berlin nieder. Vater von Rb. Oscar L.
Dokumente
CAHJP Jerusalem, AHW 543b, Fasc. I, S. 210; II, S. 207-211, Bewerbung in Hamburg 1851
LHA Schwerin, Meckl.-Schw. Landesrabbinat 57, über die Wahl zum Landesrb
Ebd., Landesrabbinat 59, Dienstakte mit empfangener Korrespondenz
Ebd., Meckl.-Schw. MfU 9022, Kopien der Bestellungs- und Entlassungsbriefe des Ministeriums vom 23. Juni 1853 und 26. Sept. 1857; nach letzterem habe L. „den unter den mecklenburgischen Israeliten bestehenden Zwiespalt“ nicht ausgeglichen, sondern nur verschlimmert; selbst zur orthodoxen Partei sei „ein unheilbarer persönlicher Riß“ entstanden, L.s Person sei daher „zu einer unerschöpflichen Quelle nie endender Unannehmlichkeiten“ geworden
Ebd., Kabinett III 5768, vom 4. Juli 1859 Bitte um Unterstützung für seine infolge der Entlassung im Elend schmachtende Familie: „Mein tiefer Kummer und die Hoffnungslosigkeit meiner Lage sagen es mir, daß ich gewiß zu den Unglücklichsten gehöre“
CAHJP Jerusalem, „Bamberg“, D/Ba17a/37, mit Bewerbung in Bamberg (1863, in hebr. Lettern), gezeichnet „Dr. Lüpschütz Ober-Rabbiner Hamburg“ (!).
Manuskripte
¯IH Warschau, cod. 622 [IMHM 30527], 23 und 14 S.: Homilien in jüdisch-deutscher Sprache, 1. eine in Gorzów gehaltene Predigt von 1838, Nachrufe auf Guttmacher, Kalischer, Abr. b. Rafael Rb. in Czechnau (d. i. vermutlich Ciechanów), Josef Saul Nathanson Rb. in Lemberg, 2. eine Predigt von 1874
Duckesz erwähnt außer den genannten die Werke Šammaš umagen, Beth Šemu’el, Misgäräth Zahav, sowie Beiträge im Mischnakommentar Tif’äräth Yiœra’el seines Vaters.
Publikationen
„Skizzen einer Rede des Herrn Rabbiners Lipschütz“, TZW 1846, S. 219f, 228-230, 247, 253f, 261, 270
„Das Gebet der Preußen vor Gott. Aus einer Rede gehalten in der Synagoge zu Landsberg a. d. W.“, TZW 1849, S. 281-285, 289-291
Prophetenruf am Grabe einer Israelitin, ein Trostwort für Trauernde, Gorzów Wielkopolski 1850
Verordnungsblatt mit dem Incipit Sämmtlichen israelitischen Gemeinden hiesiger Lande, 10. Okt. 1853, verkündet die Aufhebung der von Holdheim eingeführten Reformen: Wiedereinführung von Kol Nidre, Sterbehemd des Vorsängers am Kippur, Pijutim etc. (Holdheim-Nachlaß im CAHJP Jerusalem, P 43; die Gem. Waren protestiert, „daß sich unser Innerstes dagegen sträubt, die Rache- und Ketzerverfluchungs- Gebete mit anzuhören“; 17. Okt. 1853)
Torath Šemu’el, ein Erbauungsbuch für Israeliten an Sabbath, Festtagen und in besonderen feierlichen Momenten des Lebens, Hamburg 1867, 612 S. [AIU Paris ZKJ 156 Expl. mit Bildnis und Widmung]
H. osän Šemu’el, Zusammenfassung des OH §§ 1-129, Druckfragment ohne Ort und Datum.
Epigraphik
Zertrümmerte Grabstele in der Rabbinerreihe auf dem Friedhof Schönhauser Allee (Befund von Mai 2002).
Bildmaterialien
JNUL Jerusalem, Schwadron Collection, „Lipschitz, Baruch“ (Bildnis, reprod. EJ eng. XI 290).
Literatur
Abschied von Posen, AZJ 1846, S. 233
Predigt in Frankfurt/Oder, Orient 1850, S. 145
Bewerbungen AZJ 1847, S. 658; Orient 1850, S. 189
Gerüchte über Anstellung in Fordon, Prov. Posen, AZJ 1850, S. 619; Orient 1851, S. 16, aus Frankfurt/Oder
Anstellung und Entlassung in Schwerin; AZJ 1853, S. 384; 1855, S. 309f; 1856, S. 365; 1857, S. 606
Jeschurun 1854/55, S. 569f
Steinschneider, Hebr. Bibl. X 47
Wahl zum Rb. in Inowrocław (Inowrazlaw), Prov. Posen; AZJ 1859, S. 518f
JE VIII 100
Donath, Mecklenburg, S. 257, verschweigt die Entlassung
JP 1878, S. 3f mit Nachruf und Verweis auf eine Trauerrede von Esr. Hildesheimer. Danach habe er die Franzschule in Dessau und das Joachimsgymn. in Berlin besucht
Maggid, ‘Ir Wilna’, S. 39
Duckesz, H. achme ’AHU, Nr. 122, hebr. S. 126, dt. S. 44
Heppner und Herzberg, S. 336f, 1018
Wininger IV 133
Sal. Sofer, ’Iggeroth Soferim, Bd. I, S. 38f
EJ eng. XI 290f, mit Bildnis
Halperin, ’At. las ‘Es. H. ayyim, Bd. XI (1983), S. 101, Nr. 1822
Diekmann (Hrsg.), Mecklenburg-Vorpommern, S. 233, ebenfalls ohne Erwähnung der Entlassung.