BHR Biographisches Portal der Rabbiner

MAIER, Joseph [von], Dr.

  • Geb. 24. Apr. 1797 in Laudenbach-Fruchtlingen bei Bad Mergentheim in Württ.,
  • Gest. 19. Aug. 1873 in Stuttgart
  • Sohn des Meier b. Jakob Rosenthal und der Sara Löser aus Obernzenn, als Kind Besuch des Cheder, 1809-11 Talmudunterricht in Laudenbach und Niederstetten, ab 1813 an die Jeschiwa von Fürth als Schüler von Halberstädter und Hamburger, auch autodidakt. literarische Studien
  • 1815 Hauslehrer in Küps bei Kronach
  • Sommer 1818 an die Jeschiwa in Mainz aus Schüler von Herz Scheyer, daneben klass. Studien bei Michael Creizenach. Gründung einer Privatschule, 1824 Abitur in Stuttgart, 26. Apr. 1824 imm. Heidelberg (Philos.). 27. März 1827 Prüfung beim Studienrat in Stuttgart bescheinigt ihm „vorzügliche Tüchtigkeit zur Anstellung in der Eigenschaft eines religiösen Volkslehrers (nicht talmudischen Rabbinen) bey seiner Nation oder auch bey einer Israelit. Bildungs- und Unterrichts-Anstalt“
  • sodann als Religionslehrer in Frankfurt/M. angestellt, später Hausrabbiner der Stuttgarter Bankiersfamilie Kaulla. Wiewohl nach Ansicht des Schulrats „der beste unter allen“ Rabbinatskandidaten Württembergs, findet er wegen seiner Reformneigungen keine Stelle. Bewerber in Kopenhagen (1828 ), 6. Mai 1830 prom. Tübingen, 1831 provisorisch (durch Entschließung vom 28. Juni 1837 definitiv
  • AZJ 1837, S. 173) zum theologischen Mitglied der Israelitischen Oberkirchenbehörde Württembergs mit dem Titel eines Kirchenrats ernannt. 1832 Bewerber in Hanau, 3. Jan. 1835 Bezirksrb. in Stuttgart. 1835 Mitglied in Geigers „Verein jüd. Gelehrter“, verteidigt das Hamburger Gebetbuch von 1841, Vorsitzender der 1. und Teilnehmer an der 2./3. Rb.-Versammlung. 1850 Ernennung zum württ. Staatsdiener 6. Stufe (AZJ 1850, S. 515f), zum siebzigsten Geburtstag 1867 von König Karl mit dem Ritterkreuz des württ. Kronordens dekoriert und in den persönlichen Adelsstand erhoben.

Dissertation

  • Specimen dogmatico-historicum de Sadducaeorum doctrina, Diss. Tübingen 1830.

Dokumente

  • UA Tübingen, 55/5b, Nr. 24, Promotionsakten, enthält lat. Lebenslauf vom 16. Apr. 1830, bei Daeschler-Seiler, S. 403-407; danach geb. im Nov. 1798 (S. 406f)
  • HStA Stuttgart, Bestand E 201c, Büschel 49, Erwähnung der im März 1827 lt. Ministerialerlaß vom 19. Jan. vorgenommenen Prüfung
  • Ebd., E 201c/41 Stuttgart, vom 30. Dez. 1834 bevorstehende Amtseinführung im Betsaal des Sal. Jak. Kaulla. Ebd., vom 15. Dez. 1845, Gesuch um Erhöhung seines Gehalts von ggw. 600 fl., davon 250 fl. aus der Zentralkirchenkasse, 175 fl. von der Gem. Stuttgart, 175 fl. von den Landgemeinden. Ebd. vom 12. Okt. 1870, der nun 73 J. alte M. beantragt die Anstellung von Ludwig Kahn als Vikar.

Publikationen

  • Lehrbuch der biblischen Geschichte, als Einleitung zum Religionsunterricht in isr. Schulen. Nebst einem Anhang: Die Schicksale der Israeliten während der Dauer des zweiten Tempels, Fft./ M. 1828
  • Auswahl von Bibelsprüchen und Liederversen über die Glaubens- und Sittenlehre, Fft./M. 1830
  • Worte der Weihe bei der feierlichen öffentlichen Einweihung des neuen isr. Friedhofs zu Stuttgart, 1834
  • Rede beim Antritt seines Amtes als Rabbiner zu Stuttgart, Stuttgart 1835
  • Lehrbuch der isr. Religion zum Gebrauche der Synagogen und isr. Schulen im Königreiche Württemberg. Auf Veranstaltung der Kgl. isr. Oberkirchenbehörde, Stuttgart 1837; anonym veröffentlicht. Darüber Veit an Sachs, 11. Apr. 1841: „Die trostloseste Literatur ist die der populären Religionsbücher, unsern Freund Mayer in Stuttgart eingeschlossen, und nur von der Wissenschaft aus kann hier wirksam eingeschritten werden“ (Michael Sachs und Moritz Veit. Briefwechsel, hrsg. L. Geiger, Frankfurt 1897, S. 47)
  • Zum Andenken an die Frau Räthin Eva von Kaulla, geborene Bing, 1837
  • Rede bei der Beerdigung des Commerzienraths und Oberkirchenvorstehers Nathan Wolf Kaulla, 1838
  • Israelitische Festpredigten und Casualreden, hrsg. von J. Maier, I. N. Mannheimer, und G. Salomon, 2 Hefte, Stuttgart 1840-42, mit 24 eigenen Predigten
  • Israels Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ein religiöser Vortrag, am ersten Morgen des neuen Jahrhunderts, Stuttgart 1840
  • Rede bei der Beerdigung des ... Wolf von Kaulla, 1841
  • „Die Grundsätze des israelitischen Eherechts, aus den Quellen wissenschaftlich dargestellt“, Monats- Schrift für die Justizpflege in Württemberg, hrsg. A. Sarwey, 6 (1841), S. 31-51, 199-213; 7 (1842), S. 205-221
  • Mitarbeiter der Zschr. Der Orient (1841-45); u. a. „Gutachten über das Gebetbuch für die öffentliche und häusliche Andacht nach dem Gebrauche des neuen isr. Tempels zu Hamburg“ (16. Dez. 1841), Orient 1842, S. 85-88
  • Andenken an den verewigten Hofrath M. Pfeiffer, Eßlingen 1842
  • „Beantwortung einiger Fragen aus dem israelitischen Eherecht“, LdO 1842, Sp. 218-222
  • Gutachten zugunsten Abr. Geigers, 10. Nov. 1842, in Rabbinische Gutachten über die Verträglichkeit der freien Forschung ..., Bd. II, S. 45-69
  • Die erste Rabbinerversammlung und ihre Gegner, Stuttgart 1845
  • Rede bei der Beerdigung der Frau Sara von Kaulla, geb. von Hirsch, 1845
  • Israelitisches Gebets- und Andachtsbuch, zum Gebrauche bei der häuslichen und öffentlichen Gottesverehrung, hebr./dt., Stuttgart 1848
  • Andenken an die verewigte Frau Kommerzienräthin Lea Kaulla, geb. Kaulla, 1849
  • Andenken an den frühvollendeten Nathan Ferdinand Kaulla, einzigen Sohn des Rechts-Consulenten Leopold Kaulla in Stuttgart, 1856
  • Die Synagoge. Drei Reden zum Abschiede aus der alten und zur Einweihung der neuen Synagoge in Stuttgart, 1861
  • Confirmanden-Unterricht für die isr. Jugend, 2. Aufl. Stuttgart 1861
  • Antwort an Gabiah ben Psisa auf dessen Frage: „Wohin kommen wir?“ Von seinem Zeitgenossen Rabbi Schimon Hazaddik [Pseudonym], Leipzig 1864
  • Andenken an die verewigte Frau Hofräthin Pauline Pfeiffer, geb. Widdersheim, 1867
  • “Ich werde nicht sterben, sondern leben und die Thaten Gottes erzählen.“ Ps 118, 17. Ein gottesdienstlicher Vortrag, am Schlusse seines siebzigsten Lebensjahres (26. April 1867) gehalten, Stuttgart 1867
  • Gutachten ausländischer Rabbinen, S. 47f, gegen die ungarische Trennungsorthodoxie
  • Israelitische Gebetordnung, unter Zugrundelegung des Kirchenrath Dr. Maier’schen Gebetbuches zum Gebrauche der isr. Gemeinde in München herausgegeben, hebr./dt., 2 Bde. Stuttgart 1876.

Literatur

  • Berthold Auerbach am 29. Juni 1830: „Dr. M. zeiht man einiger Vergehungen in unseren Cerimonie-Gesetzen, weshalb er, obgleich geprüft, noch keine Anstellung hat“ (Briefe I 6). Im selben Jahr schreibt er: „Maier ist ein sehr geschickter freisinniger Mann, aber allzu politisch, allzu eigensinnig und zu stolz [...] Von hier aus haben wir also gar nichts zu erwarten, denn die Judenreformation ist ein Werk, an das mit warmer Liebe und nicht mit kalter Politik gegangen werden muß“ (Bettelheim, S. 56)
  • Steinschneider, Bodleiana, Bd. II, Sp. 1642
  • AZJ 1860, S. 103 über 25jähr. Jubiläum
  • Kayserling, Jüdische Kanzelredner II 249-262
  • AZJ 1873, S. 585, Todesmeldung
  • Lippe 1879/81, S. 306f
  • Kayserling, „Jüdische Literatur“, S. 768, 805 (seine Predigten seien „reicher an Gedanken als an Schwung“), 826, 828
  • JE VIII 264, mit Lebensdaten 1799-1872
  • Th. Kroner (Hg.), Festschrift zum 50jährigen Jubiläum der Synagoge zu Stuttgart, Stuttgart 1911 (Nachdruck Stuttgart 1988), S. 63-66; nach M.s verlorener Hs. Aufzeichnungen für meine Kinder (1872/73)
  • Wiener, Jüdische Religion, S. 99, 102
  • Wininger IV 228
  • Tänzer, Württemberg, S. 40f, 74
  • Eliav, Jüdische Erziehung, S. 436
  • Maria Zelzer, Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden, Stuttgart 1964, S. 28, 64ff
  • Siegbert Neufeld, „Der geadelte Stuttgarter Rabiner“, in: 5729 Pessach-Festschrift der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, Stuttgart 1969, S. 63-66
  • Jeggle, Württemberg, 130ff
  • Schorsch, „Rabbinate“, S. 247
  • Lowenstein, „The 1840s“, S. 278
  • Hermann Dicker, Aus Württembergs jüdischer Vergangenheit und Gegenwart, Gerlingen 1984, S. 19-34
  • Meyer, Response to Modernity, S. 109, 132, 183, 185
  • Siegfried Daeschler-Seiler, Auf dem Weg in die bürgerliche Gesellschaft. Joseph Maier und die jüdische Volksschule im Königreich Württemberg, Stuttgart 1997, darin S. 134-168 über M.s Biographie
  • Wilke, Den Talmud und den Kant, S. 112, 244f, 464f, 467-471, 486f, 489, 498, 502, 625.