Sohn des Gemeindevorstands Wolf M. und der Delzel (Therese) Simon, Besuch der jüdischen Schule mit Privatunterricht in den Elementarfächern und im Französischen, 1816 Schüler der Talmudschule in Hechingen und 1818 der Jeschiwa am dortigen Lehrhaus, mit autodidaktischen Studien der Mathematik und des Lateinischen
27. Apr. 1823 an die Klausjeschiwa in Mannheim, Privatunterricht bei Lehrern des dortigen Lyzeums. Infolge der Wahl des orthodoxen Jak. Ettlinger zum Klausprimator flüchtet er am 27. Apr. 1825 nach Bruchsal, dort für ein Jahr Schüler von Rb. Elias Präger, von diesem ordiniert und zeitweise zum Schwiegersohn bestimmt, 6. März 1826 zurück nach Hechingen, WS 1826 bis SS 1828 Univ. Würzburg (studiert vor allem Klassische Philologie) und Talmudstudium bei Oberrb. Abr. Bing
Gründer eines Predigtvereins unter den Würzburger Rabbinatskandidaten. Okt. 1828 geprüft und ordiniert von Mendel Heß in Stadtlengsfeld, Sachsen-Weimar, am 20. Apr. 1829 Abgang aus Würzburg und praktische rabbinische Studien in Bruchsal, 1829 prom. Tübingen. Bewirbt sich seit Juli 1829 erfolglos zur württ. Staatsprüfung, zu der er, trotz wiederholter Intervention seiner Regierung, erst April 1834 zugelassen wird. Auf Verlangen der Gemeinde erlangt er 1830/31 die Diplome von Moses Reinganum (Mannheim), Gabriel Adler (Mühringen) und schließlich des Frankfurter Bet-Din. Bewerber in Hanau (1832), 1834 Rb. in Hechingen. Er heiratete am 3. Feb. 1836 Betta Adler (1815-1876), eine Tochter des Rb. Gabriel A.
die Ehe wird wegen Geisteskrankheit der Frau nach dem zweiten Kind geschieden. Nach dem Tod seines Studienfreundes, des Rb. Moses Bloch, heiratet M. in zweiter Ehe dessen Witwe, Nanette Lindmann aus Mannheim (gest. 1865)
mit deren Schwester Helene Lindmann schloß er im Alter seine dritte Ehe. Da die Gemeinde nicht in der Lage ist, ihn und seine achtköpfige Familie zu unterhalten, vereinbart er am 10. Dez. 1848, daß er sein Gehalt durch Tätigkeit als Rechtsanwalt vervollständigen wolle
Sommer 1849 legt er die Staatsprüfung in der Rechtswissenschaft ab und geht fortan zwei Berufen nach. Die Gem. prozessiert 1872-73 gegen ihn wegen Dienstvernachlässigung, weil er „seine Rabbinatsgeschäfte als eine lästige Beigabe zu seinem jetzigen Hauptamte als Rechtsanwalt betrachtet“. Liberal
Teilnehmer der Kasseler Rb.-Versammlung
Dissertation
De Hymno Exodi XV und System der grammatischen Periodik, Diss. Tübingen 1829.
Dokumente
UATübingen, 55/5b, 9, Promotionsakten mit Vita und Bewerbung vom 29. Mai bzw. 4. Juli 1829, darin Darstellung einer relig. Krise 1824: „Nur das dringende Zureden meines Vaters, daß die Theologie mein einziges studium panis lucrandi seye, und nur der Gedanke, daß ich einst viel für mein Israel wirken, daß auch ich etwas beytragen könnte, seinen crassen Oscurantismus u. sein leeres Formenwesen zu verbannen, hielt mich in den Fesseln des Rabbinismus zurück“. Geburtsdatum hiernach 7. Jan. 1806, Name der Mutter Dorothea Markus
HStA Stuttgart J 386/ 452, Jüd. Familienbuch Oberdorf, Blatt 5 über seine erste Frau
StA Sigmaringen, Ho 235 Sektion X Nr. 1230, staatl. Personalakte
Gemeindl. Personalakten im CJA Berlin, 1 75 A He 1 Nr. 13, und im CAHJP Jerusalem S 107/7 „Hechingen“, letztere nur über Besoldungsfragen
CAHJP Jerusalem, Inv. 1100, Memoiren von Helwine Jakobine Lindemann, 1911, mit Jugenderinnerungen an ihren Hechinger Onkel und dessen Familie.
Manuskripte
Hohenzollern und Würtemberg, oder: Wahn und Liebe. Geschichtliches Drama in fünf Aufzügen; CAHJP Jerusalem, Inv. 1014.
Publikationen
Israels Vergangenheit und Gegenwart. Festrede bei der gottesdienstlichen Feier des 25jährigen Regierungs-Jubiläums, Tübingen 1835
Hrsg. Isr. Samstagsblatt, 1837, und Musen-Almanach, 1840
„Das Synagogenlied von der Einheit Gottes“, Synagoge II (1839), S. 132ff., 255ff
Trauungs- und Leichenrede zum Andenken an Henriette Löwengart geb. Weil, Hechingen 1843
Mitarbeiter der Zschr. Der Orient (1843-50), schreibt u. a. „Geschichte der Israeliten in Hohenzollern- Hechingen“, Literaturblatt des Orients, Jahrg. 1844
Artikel in AZJ 1846
Trauerrede bei dem Ableben I. D. der regierenden Fürstin Eugenie Hortensie Napoleone von Hohenzollern- Hechingen, Hechingen 1847
„Prag vor hundert Jahren“, Erzählung, AZJ 1849, S. 630ff., 642- 648, 659-664, 674-679, 690-692, 704-706
Der Segen Gottes. Leichrede am Grabe des Fabrik- Inhabers Benedict Baruch, Hechingen 1849
Der Stein und das Bild oder Preußens Zukunft. Festrede, zur Feier der Uebergabe des Fürstenthums Hohenzollern an die Krone Preußen, Hechingen 1850
Das glückliche Greisenalter. Rede am Grabe der Witwe Benedikt Baruch, Pheile, Hechingen 1860
Die Rechte der Israeliten, Athener und Römer mit Rücksicht auf die neuen Gesetzgebungen, für Juristen, Staatsmänner, Theologen etc. in Parallelen dargestellt. Ein Beitrag zu einem Systeme und zu einer Geschichte des Universalrechts, Bd. I: Das öffentliche Recht, Leipzig 1862; Bd. II: Das Privatrecht, Leipzig 1866; Bd. III: Geschichte der Strafrechte. Vergleichende Darstellung der strafrechtlichen Gesetze und Bestimmungen aller Kulturvölker, Trier 1876
Leichenrede am Grabe des Julius Rubin, Hechingen 1865
Gutachten ausländischer Rabbinen, S. 26, gegen die ungarische Trennungsorthodoxie.
Bildmaterialien
Bumiller, Juden in Hechingen, reproduziert eine Bildnislithographie S. 34 und eine Photographie S. 44.
Literatur
AZJ 1856, S. 461, Bestätigung als Rechtsanwalt
„Verzeichniß der [...] Synagogen-Gemeinden“, 1858, S. 88, für 509 Seelen
AZJ 1860, S. 515, Spendensammlung für Philippsons Bibel- Anstalt
Kayserling, Jüdische Kanzelredner II 166-173
AZJ 1864, S. 484, sein Vorschlag, den Gottesdienst durch Anschaffung einer Orgel und Errichtung eines Chors zu „modernisieren“, wird von der Gemeinde zurückgewiesen
AZJ 1875, S. 544, Nachruf, lobt „seinen humanen Charakter und sein echt religiöses Wesen“
Kayserling, Gedenkblätter, S. 55
Kayserling, „Jüdische Literatur“, S. 740, 766, 805, 863, 878, 885
JE VIII 392
JL 1432
Wininger IV 305f
Schorsch, „Rabbinate“, S. 247
Werner, „Hechingen“, S. 59-75 u. ö
Casimir Bumiller, Juden in Hechingen. Geschichte einer jüdischen Gemeinde in neun Lebensbildern aus fünf Jahrhunderten, Hechingen [1991], S. 44: „Prediger des Reformjudentums: Rabbiner S. M.“
Wilke, Den Talmud und den Kant, S. 110, 188f, 302, 313, 351, 355, 407, 430, 437, 487, 624, 650.