RAPOPORT, Salomon Leib (hebr. S. Juda-L., abgekürzt ŠIR)
Geb. 1. Juni 1790 in Lemberg,
Gest. 16. Okt. 1867 in Prag
Sohn des Talmudgelehrten und Jeschiwaleiters Chajim R. und der Zirl Etel, Schwiegersohn des Rb. Arje-Leib b. Joseph Hakohen in Stryi (Stryj), Ostgalizien, in Lemberg Pächter der Koscherfleischsteuer und Privatgelehrter bis 1832, sucht sodann nach einem Einkommen als Rb. im Westen, doch für Berlin (Empfehlung von Zunz) mangelt es ihm an Deutschkenntnissen, für Italien (Empfehlung von Luzzatto) fehlt ihm das Universitätsdiplom. Geschäftsmann in Brody, 1837 Rb. in Ternopi¾ (Tarnopol) auf Empfehlung der Maskilim
mit einem kaiserlichen Dispens von den akad. Studien 12. Aug. 1840 „Erster Oberjurist“ in Prag. Anhänger der konservativen „Theologen-Versammlung“ Zach. Frankels (1846) und Mitarbeiter an dessen ZRIJ, Mitglied der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (ZDMG 1848, S. 509, Nr. 142), Teilnahme an den böhmischen Synoden von 1850 und 1851. Den Titel eines Oberrb. erhält er erst zum siebzigsten Geburtstag 1860. Er war zweimal verheiratet
die erste Ehe wurde wegen Kinderlosigkeit geschieden
die zweite Ehefrau, eine Tochter des Löw Meller, starb 1842.
Dokumente
SÚA Prag, ČG Vš., oddìlení 1836-1840, svazek 47/2/1, Gubernialüberlieferung über Dispensverfahren; mit einem Brief R.s vom 15. Feb. 1839; „es ist Deutschland, von dem aus er die Impulse für seine geistige Entwicklung erhielt, und so erscheint es ihm als höchstes Ziel, in einer so ansehnlichen deutschen Gemeinde, als die zu Prag, - in welcher von jeher rabbinische Gelehrsamkeit und wissenschaftlicher Sinn, Frömmigkeit und Aufklärung heimisch waren - eine seiner innersten Neigung und bisherigen Richtung so zusagende Stelle zu bekleiden.“ Der Prager Bürgermeister Jos. Müller schreibt 8. April 1839, daß die Berichte über R. „das Bild eines interessanten Äußern entwerfen, gehoben durch eine innewohnende und energisch hervortretende Kraft, und gemildert durch einen sanftmüthigen Charakter“
ÖStA/AVAWien, Studien-Hofkommission 14 A, vom 10. Dez. 1838 Abweisung seines Zulassungsgesuchs zur böhmischen Rabbinerprüfung. Unter dem 28. Dez. 1839 kaiserl. Dispensvermerk: „Mangel der Eingeburt und der philosophischen Studienzeugnisse will Ich demselben aus Gnade nachsehen. Ferdinand“
ÖStA/AVA Wien, Neuer Kultus, Israelitischer Kultus, D 5, vom 19. Sept. 1865, nennt ihn unter den 27 böhm. Vorbereitungsdozenten für die Preßburger Landesrabbinerschule
ŽM Prag, Nr. 128.402, Personalakte, dort S. 321f, 362-395, 950-988 über seine Berufung; S. 989-1031 über seine Amtswohnung; S. 1032-1182 über „Rappoports Absterben“ mit Nachrufen, Broschüren, Trauerbriefen.
Manuskripte
Der Nachlaß gelangte nach Polen; Teile daraus besaß der Krakauer Historiker Meier Bałaban (JJGL 19, 1916, S. 222)
ŽM Prag, ms. 192, Aufzeichnungen nach mittelalterlichen Manuskripten aus der Bibliothek David Oppenheims, 1829, 135 Bl
SÚA Prag, ČG Vš., oddìlení 1841-1855, svazek 18/3/4, vom 9. Jan. 1842, Entwurf für Instruktion an die böhmischen Rabbiner. „Er darf nicht von vornhinein Parthey für oder gegen eine Richtung in seiner Gemeinde nehmen, oder seine Lieblingsansichten oder Tendenzen verfolgen, sondern durch verständige Belehrung die streitenden Ansichten auszugleichen und zu versöhnen suchen“
Ebd., svazek 18/1, mit Wortbeiträgen bei der „Berathung über die Reglung der jüdischen Kultusgemeinde-Ordnung im Kronlande Böhmen“, 14. Jan. 1851 („Man muß dem Rabbiner auch etwas Charakter lassen“).
Publikationen
(Bibliographie bei Barzilay, Rapoport, 1969) Techunnath ‘ir Pa’riz, statistische und landeskundliche Beschreibung von Paris, Lemberg 1814
Qol Nehi, Gedenkrede auf den galizischen Gouverneur Franz von Hauer, mit dt. Übs. von Meier Letteris, Lemberg 1822
„‘Al devar hayehudim hä-h. åfšiyyim be’äräs. ‘Arav“, über die jüdischen Stämme Arabiens und Abessiniens, in Bikkure ha-‘Ittim, 1823, S. 51ff
„Zamäräth hä-’Aviv“, ebd. 1824, S. 162ff
„Še’arith Yehudah“, hebr. Versfassung des Estherbuches nach Rossini, ebd. 8 (1827), S. 171-254
Kritik der Prager Ausg. des Talmudwörterbuchs ‘Aruch, ebd., 1829, S. 7-79
Biographien rb. Gelehrter des Frühmittelalters, in Bikkure ha-‘Ittim, 1829ff; Separatabdrucke Toledoth Rabbenu Nathan ’iš Roma’, Wien 1829, 62 S.; Toledoth Rabbenu H. annane’l, Wien 1830; Buchausgabe aller Biographien u. d. T. Yeri‘oth Šelomoh [Cant. 1,5], Warschau 1902, 128 S., ohne Gesamttitel Warschau 1913
Hrsg. (mit S. D. Luzzatto), Sedär Tena’im wa’Amora’im, Prag 1839
Mitarbeiter am Orient (1841-44 und 1850), Artikel u. a. „Poetische Anklänge in den Talmuden“, LdO 1840, S. 36-44; „Sendschreiben an Chajum Selig Slonimski, das Buch Kuchba de Schebit betreffend“, über astronomische Werke in hebr. Sprache, LdO 1840, S. 133-135, 152f, 169-172, 182-184, 193-195, 230f, 259-263
„Die Epoche des Maccabäerkampfes und die heutige Zeit. Eine Parallele“, ZRIJ 1 (1844), S. 106-118
Tochah. ah Megullah. Sendschreiben eines Rabbiner’s an die Rabbiner-Versammlung zu Frankfurt am Main, hrsg. und übs. von Raphael Kirchheim, Leipzig 1845, 37 + 43 S
Nachworte zu Šene ha-Me’oroth, hrsg. M. Steinschneider, Berlin 1846, und zu Tešuvoth Ge’onim Qadmonim, hrsg. David Cassel, Berlin 1848
‘Eräch Milin, biographische und geographische Enzyklopädie der rb. Literatur, Bd. I, Buchstabe Aleph, Prag 1852, 302 S.; Band II-III Artikel aus dem Nachlaß hrsg. von Isak Nissenbojm, Warschau 1914, 364 + 301 S
Einleitung zu Nachman-Nathan Coronel, Beth Nathan, Textvarianten zu Berachoth, Wien 1854
Einleitung zu Koppelmann Lieben und Simon Hock, Gal ‘Ed, Prager hebräische Grabinschriften, Prag 1855
„Der Berg des Ostens bei den Samaritanern“, ZDMG 1857, S. 730-733
„Michtav IV“, Jeschurun, hrsg. Kobak 3 (1857), S. 9-59
Einleitung zu Abraham bar Chijja, Sefär Hägyon ha-Näfäš, hrsg. E. Freimann, Leipzig 1860
Divre Šalom wa’Ämäth [Esth 9,30]. Beleuchtung des Hirsch-Frankel’schen Streits, zu Zach. Frankels Einführung in die Mischna, Prag 1861, 38 S
Nah. alath Yehudah, Teil I Torah ’Or gegen Geigers Urschrift und Divre ’Iggäräth gegen die Chassidim, Krakau 1868, 252 S.; Teil II gegen M. Kunitzers Biographie von Simon bar Jochai, Lemberg 1873, 40 S
Ro,’ š divre ŠIR, hi’ ha-derašah ha-ri’šonah šä-daraš ka’ašär nithmanah le-rav we’A[v] B[eth] D[in] beQ. Q. T. a’rno’po’l bišenathTQS. H. , seine Antrittsrede in Ternopi¾, hrsg. Sam. Grünbaum, Toruñ 1877, 20 S
Briefe an S. D. Luzzatto 1829-1831, in Abraham Eliahu Harkavy (Hrsg.), Zikkaron la-Ri’šonim wegam la-’Ah. aronim, Bd. V, Teil I, Wilna 1881, 70 S
Korrespondenz aus den Jahren 1833- 1860: ’Iggeroth ŠIR, Przemyœl 1886, 288 S
Weitere Briefe bei Simon Büchler, Šay la-Moräh, Budapest 1895; Moses Sam. Weißstein, Däräch ’Ämunah, Drohobych (Drohobitz, Ostgalizien) 1897
Briefe an Raphael Kirchheim, Zacharias Frankel u. a., hrsg. von Benzion Dinaburg [Dinur], „’Iggeroth ŠIR“, Qiryat Sefär 3-4 (1926/27), S. 222-235, S. 306-319 (Bd.3); S. 67-76, S. 166-172 (Bd.4)
Drei Approbationen, datiert Brody 1835, Ternopi¾ 1837, Prag 1841; Löwenstein, Index, S. 165.
Epigraphik
Grabstätte im heutigen Prager Stadtteil Žížkov, ul. Fibichova; siehe ŽM Prag, Prager Gemeindeakten Nr. 128.402, S. 1183-1222 über die Errichtung des Grabdenkmals.
Bildmaterialien
Bildnissammlung JNUL Jerusalem, Schwadron Collection; das ŽM Prag besitzt ein Porträtgemälde von Antonín Machek aus den 1840er Jahren.
Literatur
AZJ 1837, S. 385; 1838, S. 88, 91f, 95, 249f, Einsetzung in Ternopi¾
Käräm H. ämäd, Bd. IV. S. 241-259
N. J. Fischmann, M. M. Mohr, J. Bodek und J. Mentsh, Ha-ro’äh umevaqqer sifre meh. abbere zemanenu, oder kritische Blätter über die Schriften J. S. Rapaports und S. D. Luzzatto’s, Ofen 1839
Berufung nach Prag; IA 1839, S. 231; 1840, S. 7; Orient 1840, S. 260- 262, 277f
Orient 1840, S. 404 (verdruckt zu 804): „Der Mann tritt uns im Aeußern ganz vollkommen als eine antique polnische Notabilität entgegen und entspricht auch in seinem Leben den strengsten Anforderungen, welche nur der Zelotismus an einen Rabbinen machen kann, so sehr, daß man versucht werden könnte, in ihm einen Mann zu finden, der auf einige Jahrhunderte zurückweise. Indessen ist dies keineswegs der Fall, und Rapaport ist ganz der Mann der vorwärtsstrebenden Wissenschaft, des neuerwachten Lebens [...] Das Siegreiche in ihm aber ist sein durch die Wissenschaft geläutertes, durch Lebenserfahrungen und innere geistige Einheit und Einigkeit gesundes, kräftiges und politisch-kluges Herz. Hiermit thut er Wunder“
AZJ 1840, S. 573, Plan zu einem jüdisch-theologischen Seminar unter seiner und Sachs’ Leitung; 1841, S. 31, 87f Zusammenwirken mit Sachs; 1841, S. 46, 54, 95, 158f seine Amtsführung und besondere Art der homiletischen Vorträge; IA 1841, S. 158 über das Scheitern des Seminarplans; R. sei „ein sanfter, herzensguter und friedliebender Mann, und nach seiner ganzen Individualität nicht dazu geeignet, sich mit Rechtgläubigen und Aufgeklärten in einen Conflict einzulassen“
TZW 1845, S. 5-6, 14 „Sendschreiben an den ehrwürdigen Herrn Oberjuristen und Oberrabbinen Salomon Löb Rapoport zu Prag, von dem Landrabbinen Dr. Auerbach zu Darmstadt“. Hält R. dazu an, sich unter die 116 Protestler gegen die RaVers zu reihen
AZJ 1850, S. 103, 213, Skandal, als er sich aus „unlauteren, gemeinen, nichtigen Motiven“ von einem Leichenzug absentiert, für den man ihn nicht bezahlte
AZJ 1851, S. 212 (öffentliche Schulprüfung), 234 (Treffen mit Zacharias Frankel); 1852, S. 292 (Audienz beim Kaiser); 1853, S. 646 (Sammlung zur Renovierung jüdischer Denkmäler); 1856, S. 22 (Einmischung des Staates), 277f, 318f (Geburtstagsfeier); 1857, S. 605 (Teilnahme am Kongreß der Dt. Morgenländ. Ges.); 1859, S. 695 (zum Schillertag hebr. Übs. von Schillers „Glocke“); 1860, S. 297f, 392, 408f, 452 (Laudatio und Feiern zum 70ten Geburtstag, auch BCh 1860, S. 362); 1861, S. 212 (gegen Reformpartei und Hirsch-Orthodoxie)
Salomon Wolf Klein, Ha-’ämäth weha-šalom ’ähävu, Brief an R., Fft./M. 1861
Pascheles 5625 (1864), S. 18, sieht R. im Kampf um die Reform des Judentums als „einen Mann, der friedlich über dem Getriebe der Partheien stehend, die neutrale Flagge der Wissenschaft hoch schwang, dessen tolerante Anschauung und Duldsamkeit ganz mit der eigenen rigurosen Observanzenbeobachtung sich vertrug“
AZJ 1867, S. 817, 880, 939 über Krankheit und Tod R.s
Josua Wallerstein, Gedächtnisrede auf Rappaport, Danzig 1868
Graetz, Geschichte3, Bd. XI, S. 451f, 454-465
Baeck, Geschichte, S. 506: „Wie das Landrabbinat in Mähren, so bewahrte der Einfluß Rapoports in Prag Böhmen vor den Stürmen religiöser Spaltungen“
Adolf Kurländer, Biographie S. L. Rapoports, Oberrabbiners zu Prag. Mit ... Benütz. der „Erinnerungen an Rapoport“ von Jellinek, Wien 1878
Wurzbach, Biographisches Lexikon, Bd. XXIV, S. 356-361
Das Centenarium Rapoports. Festgabe der ‘Oesterreichischen Wochenschrift’, 1890
Kayserling, Gedenkblätter, S. 67
ADB XXVII 283ff
Kayserling, „Jüdische Literatur“, S. 763, 769, 855f, 862f, 867, 895
Weiss, Zichronothai, S. 96f, mit kritischen Äußerungen über ihn
Bernfeld, Toledoth ŠIR, Berlin 1899
Halberstam, Toledoth Rapoport. , Krakau 1900
Michael Berkowicz, „Ungedrucktes von S. L. R.“, MGWJ 45 (1901), S. 563f
Berstein, Pithgamim me-H. achamim, S. 75
JE X 322f, mit Bildnis
Wachstein, Mafteah. ha-häspedim, I, S. 53
JL IV1 1234f, mit Bildnis
Wininger, V 132ff
Klemperer, „Rabbis of Prague“, S. 81
ÖBL VIII 421
Isaac Barzilay, Shlomo Yehudah Rapoport [Shir] (1790-1867) and His Contemporaries. Some Aspects of Jewish Scholarship of the Nineteenth Century, o. O. (Israel) 1969
EJ eng. XIII 1555-1557, mit Bildnis
V. Sadek und Jana Zachová, „Dédicaces à Salomon Yehouda Rapoport (1790-1867)“, Judaica Bohemiae 16 (1980), S. 49-51
Meyer, Response to Modernity, S. 136, 140, 154, 156, 196
Wlaschek, Bohemia, S. 173
DBE VIII 141
Brämer, Rabbiner und Vorstand, S. 85-87, 151
HÖAAJH, Bd. II, Nr. 8366
Wilke, Den Talmud und den Kant, S. 92, 121, 509f, 532, 555, 579-583, 597, 601, 619, 627f, 653f, 659, 666, 674, 680.