Sohn des Gastwirts Jacob Baer (seit 1808 Bernays) und der Marthe Welsch
Talmudstudium an der Jeschiwa des Mainzer Oberrb. Herz Scheuer
als erster „Candidat de la Théologie hébraïque“ besucht er auch Veranstaltungen am Lyzeum in den Fächern Philosophie und Rhetorik. Nachdem sein Gesuch vom 31. Dez. 1811 um Freistellung vom Armeedienst aus Paris abgelehnt wird, lernt er zeitweise bei dem Offenbacher Kabbalisten Eisik Metz, vermutlich am dortigen Lehrhaus. 1815 Schüler und Assessor von Oberrb. Abraham Bing in Würzburg, seit 1816 gemeinsam mit J. Ettlinger Studien an der dortigen Universität, insbes. der Philosophie bei J. J. Wagner. 1819 Hauslehrer bei den Hofbankiers Jakob und Salomon Hirsch in München, hört Schelling an der Akademie der Wissenschaften, studiert täglich 4-5 Stunden mit dem Gymnasialprof. J. A. v. Kalb. Geht als Privatgelehrter zurück nach Mainz, auf Empfehlungsschreiben von Bing und Kalb wird er am 9. Mai 1821 einstimmig zum „More-Zedek“ (Ritualgutachter) in Hamburg gewählt, der größten jüd. Gemeinde Deutschlands. Bernays setzte in viermonatigen Verhandlungen eine historische Neudefinition des Rabbineramtes durch. Er lehnte Titel und Berufsverständnis ab, weil er „zu gut kennt das Schaale und Kraftlose alles Werkens und Waltens, das in unserer Zeit von einem Moreh Zedek oder Rabi ausgeht“
er verlangte die selbstdefinierte Stelle eines „Chacham“, d. i. „eines geistlichen Beamten [...], der über alle Zweige der Religion, es sey Cultus, Ritus, Volks- und Jugend- Lehranstalt, ordnend und lenkend zu walten, und der über sich die Regierung anzuerkennen hat, dem aber seine standesmäßige Besoldung fix so zugeführt werden, daß er in pecuniärer Hinsicht, es sey durch Ein- und Annahmen von Accidentien oder sonstigen Remunerationen mit keinem Individuum je in Berührung gerathen könnte“ (CAHJP, AHW 543a, S. 37, vom 24. Mai 1821). 28. Aug. 1822 Heirat mit Sara Berend (geb. 1804), Tochter des Michel B. aus Hannover. Führt als erster Rb. die dt. Sabbatpredigt ein, dazu Schul- und Kultusreform, Neuordnung der Gemeindeschule mit systematischem Hebräischunterricht, hält öffentliche Lehrvorträge über die Psalmen und 1837 über den Kuzari. Wirkt mit Dajanim Salomon Dreyfuss und Meier Hess, holt auf die Stelle des im Protest geschiedenen Nathan Ellinger (auch Klausrabb. Jos. Hanover war zunächst mißtrauisch) seinen Lehrer Eisik Metz nach Hamburg. Vater des zum Christentum konvertierten Goetheforschers Michael Bernays (EJ dt. II 1215) und des Bonner Philologieprofessors Jacob Bernays (1824-1881). Sigmund Freuds Ehefrau Martha war eine Enkelin des Chacham.
Dokumente
AN Paris, F 19, Nr. 11.052 mit Gesuch seines Vaters vom 29. Dez. 1811 zur Befreiung des Sohnes vom Militärdienst; im Original anliegend Empfehlungen von David Sinzheim (Straßburg, 1. Aug. 1808), vom Mainzer Rabbinat vertreten durch Samuel Levi, Herz Scheuer und Moses Kanstadt, von den Lyzealprofessoren Landry und Lege, vom Mainzer Magistrats und isr. Konsistorium (alle vom 31. Dez. 1811). Das Konsistorium nennt ihn „sujet rare, tant par ses bonnes mœurs que par les qualités qui le font distinguer particuličrement pour l’état auquel et s’est voué dčs sa tendre jeunesse [...] Ce jeune homme si recommandable excite toute notre sollicitude, tant pour l’utilité de ses concitoyens que pour la gloire de nos coréligionnaires, qui déjà voyent en lui un théologien aussi profond, qu’instruit pour tout [!] autre sience“ [!]. Das Gesuch wird am 13. Feb. 1813 aus Paris abgelehnt
Familienbuch im StadtA Mainz, 50/887, Eintrag Nr. 14 (Hausnr. D 25)
CAHJP Jerusalem D/Wu1/1 vom 16. Febr. 1815 nennt „Berneys“ als Assessor des Würzburger Oberrb. (vgl. auch JJLG V 298), daher vermutlich sein Rabbinertitel
StA Hamburg, Cl. VII, Lit. Lb, Nr. 18, Vol. 7b, Fasc. 1, Invol. 2 Acta wegen Anstellung des zu Mainz privatisirenden jüd. Gelehrten Isaac Bernays als geistlichen Beamten bei der hiesigen Deutsch-Israelitischen Gemeinde mit Genehmigung des Senats, 1821
StA Hamburg, Jüdische Gemeinde 702a, Heiratsregister
CAHJP Jerusalem, AHW 534 Talmud-Tora-Schule. Bd. I: prinzipielle Äußerungen des geistlichen Beamten Chacham Jsaak Bernays und Korrespondenz (1822), Bericht über die Schule von August 1827
Nr. 543a: Personalakte Isaak Bernays, 1821-1849, enthaltend S. 1-112 Berufung (daraus Empfehlungsschreiben und Vertrag abgedruckt bei Duckesz, art. cit., S. 298-304), S. 113-152 Persönliches, S. 153-183 Politisches, S. 184-223 Gutachten über Eherecht, S. 224-252 Gutachten über Erbrecht, S. 253-268 Kultus und Schule, S. 270-304 Dokumente über Hinterbliebenenversorgung
Subskribent der Fürther Talmudausgabe 1832; betitelt als hä-h. acham ha-mefursam ’[av] b[eth] d[in] mo[renu] ha-r[av] rabbi.
Manuskripte
CAHJP Jerusalem, Inv. 2050 Gutachten gegen den Neubau des Tempels, 29. Aug. 1841, siehe Duckesz, S. 309-313. Schüler. S. R. Hirsch, Lasi, Frensdorff, Dr. Joel (Pfungstadt), Sussmann Adler, Dajan Gottlieb Mosses, Löb Adler, S. P. Nathan, kurzzeitig Hildesheimer; vgl. Duckesz, S. 320.
Publikationen
Rezension von Gesenius’ Wörterbuch in Neue Theologische Annalen, Bd. I, Breslau 1817, S. 180-195
Der Bibel’sche Orient. Eine Zeitschrift in zwanglosen Heften, 2 Hefte erschienen in München Sept. 1820 mit Datum von 1821 (konzipiert als anonyme Einleitung zu Herders „Geist der ebräischen Poesie“). Vermutlich gemeinsam mit von Kalb verfaßt; B. hat die Verfasserschaft später abgestritten. Vgl. dazu zwei Briefe J. J. Wagners vom Apr. 1821 in Wagner, Lebensnachrichten und Briefe, Ulm 1849; S. Philippi, Der biblische Okzident oder über die Entstellung der hebräischen Sprache, Frankfurt/M. 1821; Salomon Ludwig Steinheim in AZJ 1842, S. 220
Eine Approbation zu ‘Aluloth Naftali von Nissan 580 [sic] laut Löwenstein, Index, S. 35.
Epigraphik
Grabstein auf dem Friedhof am Grindel, abgeb. bei Goldschmidt, 1912, Tafel VII.
Bildmaterialien
Grunwald verzeichnet drei Bildnislithographien und eine bemalte Tasse; Hamburgs deutsche Juden, S. 143; darunter die Lithogr. von Siegfried Bendixen (1822), wo B. predigend mit erhobenem rechten Zeigefinger dargestellt ist; reprod. in Bauche (Hrsg.), Vierhundert Jahre, S. 271
Eine zu B.s 25jährigen Amtsjubiläum 1846 geprägte Medaille im Museum für Hamburgische Geschichte, Münzkabinett Nr. 900 und 901; siehe Grunwald, S. 135f. und Abb. V; auch bei Bauche (Hrsg.), Vierhundert Jahre, S. 271.
Literatur
(cf. Studemund-Halevy, Bibliographie, S. 110f.) Erwähnung bei J. J. Wagner, Religion, Wissenschaft, Kunst und Staat in ihren gegenseitigen Verhältnissen betrachtet, Erlangen 1819, S. 92
Hebr. Gedichte von Moses Mendelssohn und Aron Rosenbach zu seiner Amtseinsetzung, Altona 1821
Heinrich Heine, Briefe I 103, von Aug. 1823: „Bernays habe ich predigen gehört [...] keiner von den Juden versteht ihn, er will nichts und wird auch nie eine andere Rolle spielen; aber er ist doch ein geistreicher Mann und hat mehr Spiritus in sich als Kley, Salomon, Auerbach I und II“
J. A. von Kalb, Theologisch-politische Abhandlungen von Spinoza, Freye Übersetzung, München 1826, S. XXI
Sulamith VII,2 (1826), S. 156
Polemik um die fehlende Ordinationsurkunde AZJ 1838, S. 257; 1842, S. 123, 125
Festrede zur Sal. Heine-Krankenhausstiftung; IA 1841, S. 204
Epigramm in INJ 1845, S. 8: „Schweiftest als Bettelstudent in den Reichen des Wissens und Denkens, / Kehrtest zurück als Chacham, ruhst von den Mühen nun aus.“- Amtsjubiläum TZW 1846, Beilage zu Nr. 44; UI 1846, S. 162
B. sei zu Lebzeiten eine „Mumie“ geworden; so AZJ 1849, S. 168
Nachrufe in AZJ 1849, S. 264f, 494f, 619, 621; Orient 1849, S. 218 (M. Mendelssohn); TZW 1849, S. 148f, 158, 161-168 (J. Ettlinger)
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