Sohn des Rb. Hayum S. und der Henriette Kahn, Talmudstudium beim Vater und lateinischer Unterricht beim Pfarrer in Krumbach. Mit 13 J. nach Würzburg zur Jeschiwa des Rb. S. B. Bamberger
da ihn aber dessen „starre Orthodoxie“ nicht befriedigt, reist er nach vierzehn Monaten wieder ab. Kehrt für ein Jahr nach Hürben zurück, besucht dann die Quinta des Gymnasiums in Heidelberg. 1846 Absolutorium der Lateinschule in Grünstadt/Pfalz, 28. Okt. 1846 imm. Heidelberg, Triennium. Flüchtet vor den badischen Revolutionswirren nach Worms, kehrt nach Vollendung seiner akad. Studien als Schüler und Assistent von Rb. Koppel Bamberger dorthin zurück, bleibt aber wegen drohenden Konflikts mit den Reformern nur sieben Monate. Nach Ordination durch Rb. Aaron Merz in Bad Dürkheim und Rb. Bamberger in Worms (Mai 1850) sowie Morenu-Diplomen von B. H. Auerbach in Darmstadt und L. Bodenheimer in Krefeld kehrt er nach Hürben zurück und praktiziert bei seinem Vater. 6. Juni 1851 prom. Jena
20.-23. Dez. 1852 separate Staatsprüfung in Augsburg mit Note 3, d. h. „sehr gut“. 1853 Distriktsrb. in Bayreuth. Er wird dort von seinem Vater und von Rb. Rosenfeld aus Bamberg am 16. Okt. 1855 getraut mit Cäcilie Rosenthal aus Hamburg. 1. Mai 1857 Rb. in Köln. Bewarb sich erfolglos in Fulda (1854) und Brünn (1860). Vertreter eines anpassungsbereiten Konservatismus. 29. Aug. 1861 Einweihung der Synagoge in der Glockengasse. Mit der Anordnung einer gemäßigten Reformliturgie (AZJ 1864, S. 719f) setzt sich der Gemeindevorstand über seine Bedenken hinweg
allein in der Orgelfrage legt S. ein Veto ein.
Dissertation
Zwei unabhängige Abhandlungen Livius historicus quid de rebus publicis senserit / Exegetisch- psychologische Abhandlung über die H. åchmah nach bibelschen und rabbinischen Analogien, Diss. Jena 1851.
Dokumente
StA Augsburg, Regierung 11827, Prüfungsgesuch, Abschriften aller Zeugnisse, Prüfungsprotokoll
UA Heidelberg, H-IV-102/47, fol. 51, Anfrage wegen Promotion, 28. April 1851
UA Jena, M 329, Bl. 57-74, 86, 150, Promotionsakten mit den beiden Probeschriften, dem gedruckten Sendschreiben und einer dt. Vita
LHA Schwerin, Meckl.-Schw. Landesrabbinat 57, Bewerbung in Schwerin, 14. Sept. 1851 mit Abschriften der Zeugnisse
CAHJP Jerusalem, D/ Ba28/21, Bewerbung und Aufnahme in Bayreuth
StA Marburg, 100/3725, vom 16. Okt. 1853 Wahl in Fulda; die Berufung wird annulliert aufgrund ungünstiger Gutachten der orthodoxen Rb. S. B. Bamberger in Würzburg, M. Wetzlar in Gudensberg und Sal. Fürst in Heidelberg. Diese schildern ihn „als einen schönen jungen gewandten Mann, welcher durch sein Auftreten zu imponiren versteht; als tüchtiger Talmudist will ihn Niemand kennen“. Wegen seines Sendschreibens an das Revolutionsparlament sei „zu befürchten, daß derselbe stets der Tagesrichtung huldigt. Ein Rabbiner muß aber fest sein“ (M. Wetzlar, ebd., 29. Dez. 1853). Zur Zeit seiner Abreise aus Heidelberg habe er die Rabbinatsfähigkeit noch „lange nicht“ erreicht (S. Fürst, ebd., 12. Jan. 1854)
Chronologische Skizzen aus der Geschichte des heiligen Landes, TZW 03:45:366f
Sendschreiben an das teutsche Parlament in Frankfurt am Main, für die Aussprechung der Judenemancipation, und ein offenes Wort an den christlichen Clerus, 1848, 15 S.; auch in TZW 1848, S. 241-243, 251f
„Fragment einer Rede, gehalten Parašath Re’eh in Deutz“, TZW 1848, S. 323f, 330-332
„Wie verhält sich das biblische und rabbinische Judenthum zu einer Staatsumwälzung?“, TZW 1848, S. 385f
„Assav und Tirza. Gedicht“, TZW 1849, S. 108-110, 117f, 122-124, 133f, 147, 156f, 173, 188f
„Die Jahreszeiten, ein Bild des Judenthums. Fragment“, TZW 1849, S. 121f, 132f
„Segen und Fluch. Aus einer Rede, gehalten in der Synagoge zu Worms. Parašath Re’eh“, TZW 1849, S. 273-267
„Rückblick auf das Jahr 5609“, TZW 1849, S. 305f
Weitere Gedichte im TZW: „Morgenschein“ (1849, S. 379); „Der Fluß“ (S. 380), „Des Lebens Nichtigkeit“ (S. 380), „Der Tag“ (S. 380), „Vertrauen“ (S. 380), „Nachmonides“ (S. 387f), „Der jüdische Künstler“ (S. 388), „Milka“ (S. 388), „Ben Gabirol“ (S. 388f), „Dankbarkeit“ (S. 399), „Die Sabbatnacht“ (S. 398f), „Tugend“ (S. 399), „Mein Lied“ (1850, S. 14-16, 22f), „Ben Gabirol“ (S. 23, 31), „Der Schatzgräber“ (S. 127), „Täuschung“ (S. 127), „Gott“ (S. 127f), „Freie Übersetzung des Päräq Wayyera’. Gesänge der Nacht“ (134f, 142f)
Übs. von Jehoseph Schwarz, Das heilige Land, nach seiner ehemaligen und jetzigen geographischen Beschaffenheit, Fft./M. 1852
’Ämunath Yiœra’el. Lehrbuch der isr. Religion zum Unterrichte für die Jugend. 1. und 2. Cursus. Mit punctierten hebräischen Belegstellen und vielen Anmerkungen versehen, Bamberg 1853, orthodoxes Schulbuch nach säkularisiertem Konzept, „das Religionsbuch ist kein Schulchan Aruch und hat nur die alleinige Aufgabe: die Grundprinzipien der Glaubens- und Pflichtenlehre in eindringlichen Worten dem Schüler mitzutheilen“ (S. v; Gotzmann, „Dissociation“, S. 113f); 2. Aufl. ’Ämunah uMišpat. : Glaube und Pflicht. Lehrbuch der isr. Religion, Bamberg 1857; 3., gänzlich umgearbeitete Aufl. Köln 1864, Fft./M. 1877
Rede bei dem feierlichen Trauergottesdienste Ihrer Majestät der höchstseligen Königin Therese von Bayern, 1854
Im Heiligthum des Herrn: Gottes Licht, Gottes Wort, Gottes Friede, Predigt, 1855
Reden, Bayreuth 1857
Rede, gehalten bei der Grundsteinlegung zur neuen Synagoge in Köln, 1857
Rede am Grabe des Herrn Isaac Kaufmann, Mitglied des isr. Konsistoriums und Vorsteher der isr. Gem. Cöln, 1857
Gebet und Rede, gehalten bei der Einweihung der Synagoge in Köln, 1861
Rede auf den Tod Sr. Majestät Friedrich Wilhelms IV. Königs von Preußen, gehalten in der Synagoge zu Köln, 1861
Worte gesprochen in der Synagoge zu Dürkheim bei dem Leichenbegängnisse des Herrn Samuel Schwarz, 1864
Gutachten gegen den Gebrauch der Orgel im Gottesdienst; Israelit 1865, Nr. 1
Worte, gesprochen am offenen Grabe der Frau Wittwe Henriette Eltzbacher, geb. Michaelis, Köln 1867
Tiqwath ’Änoš [Hiob 14,19]. Das Buch Hiob mit metrischer Übersetzung, Berlin 1868, 314 S
Rede gehalten bei der Einweihung des isr. Asyls für Kranke und Altersschwache in Cöln, 1869
Predigt und Gebet beim feierlichen Gottesdienste in de Synagoge zu Cöln am Bettag [Var.: am National-Bettag] den 27. Juli 1870, 1870, erweiterte Ausg. 1870
Rede gehalten am Grabe des verewigten Herrn Samuel Mayer, Präses der isr. Armen-Verwaltung, 1870
Worte, gesprochen am offenen Grabe der verewigten Frau Therese Mathias, 1870
Rede bei der feierlichen Enthüllung des Denkmals zur Erinnerung an die im Kriege gefallenen Glaubensbrüder, im isr. Waisenhause zu Paderborn, 1871
Worte, gesprochen am offenen Grabe der verewigten Frau Mathilde Klein, geb. Spier, Köln 1872. Werkausgaben. Zions-Klänge. Religiöse Dichtungen, hrsg. Karl Schwarz, Berlin 1920, 20 S.
Literatur
Fürst, Bibliotheca, Bd. II, S. 300
„Verzeichniß der [...] Synagogen-Gemeinden“, 1858, S. 77
AZJ 1862, S. 597 über Mitgliedschaft in Rabbiner Kalischers „Colonisations-Verein für Palästina“
Lbl III, S. 10, 19
Nachruf in UI 30 (1874/75), S. 310: „Il combattit avec succès les efforts des gallophobes prussiens qui voulaient enlever à Paris et transférer à Berlin le siège de l’Alliance israélite universelle. On se rappelle aussi que M. Thiers, président de la République, lui fit parvenir [...] la gratitude de la France pour les immenses bienfaits qu’il avait prodigués aux prisonniers israélites français internés à Cologne“
Brisch, Cöln, S. 159f, nennt als Sterbedatum den 25. Jan. 1875
Zeitlin, Bibliotheca, S. 358
Kayserling, „Jüdische Literatur“, S. 858
JE XI 118, mit falschem Geburtsdatum 15. März 1830
JL IV2 296, mit Geburtsdatum 1830
Weinberg, Oberpfalz, Bd. V, S. 110
Wininger V 478
PK Bavaria, S. 226
Halperin, ’At. las ‘Es. H. ayyim, Bd. XI (1983), S. 44, Nr. 1031
Carlebach, „Orthodoxie in Köln“, S. 343, 346f
Zittartz-Weber, Rheinprovinz, S. 341-145, mit dem Kapitel: „Kölns konservative Antwort auf die Reformbewegung: Israel Schwarz“