Sohn des Simon und der Jettele geb. Steinhardt, einer Schwester des Fürther Oberrb. Joseph S. Schüler der Großen Jeschiwa von Prag bei Löb Fischels als Studienfreund von Bezalel Ronsburg. Nach seiner Heirat mit Hendel, der Tochter des Vorsängers Löb in Hannoversch-Münden, lebt er dort zunächst beim Schwiegervater, dann als Hausrb. des wohlhabenden Jakob Münden und seiner Frau Rös’che. 1804 Rb. in Hildesheim, 1808 Rb. des Leine-Departements mit Sitz in Seesen (zugleich einer der drei Oberrabb. im Westphäl. Konsistorium), Gehalt von 1200 frcs., April 1809 Rb. in Warburg mit 500 Tl. Gehalt. Übersiedelt 1810 nach Kassel und erteilt an dem neuen Lehrer- und Rabbinerseminar die Talmud- und Maimonidesklassen. Seine Amtspflichten werden derweil von den Unterrabbinern in Paderborn (Dav. Schulmann) und Beverungen (Abr. Sutro) wahrgenommen. Nach dem Fall des Westphälischen Königreichs bemüht er sich 1814 beim preußischen Militärgouvernement seine Stelle im Paderbornschen zurückzuerhalten, jedoch die Gemeinden weigern sich zunächst - zum Teil vehement - gegen seine Wiederanstellung. Von Zivilgouverneur von Vincke im Feb. 1815 eingesetzt mit neuem Sitz in Paderborn, sein Titel bleibt „Consistorial-Rath und Oberrabbiner für die Corporation der Israeliten im Fürstenthum Paderborn“
sein Gehalt von 500 Rtl. wird auf 270 herabgesetzt
später erhielt er von Paderborn 350, von Rietberg 40, von Corvey 41 und von Herlinghausen 8, Summa 439 Rtl. Beschäftigt sich mit Modernisierung des jüdischen Schulwesens und rituellen Erleichterungen bei der Ableistung des Militärdiensts, Bewerber in Hamburg (1820).
Dokumente
GStA Berlin, Rep. 70 VI Vorl. Nr. 2196 (Hildesheim) Gesuch um Bestätigung des gewählten Rabbiners Mendel Steinhardt, 1804-1805
StA Marburg, 76a/408 vom 12. Jan 1809, nennt die drei Rabbiner des Fuldadepartements: Löb Mayer Berlin in Kassel, Mendel Steinhart in Warburg, Unterrabbiner David Levi Schulmann in Paderborn
StA Münster, Zivilgouvernement, Nr. 203 mit Steinhardts Anträgen von 1814. Blatt 19v enthält Empfehlung v. Haenlein, Kassel, 9. Juli 1814: „Er hat hier allgemein den Ruf eines Mannes von sehr strenger Rechtschaffenheit, von großer Gelehrsamkeit und ausgezeichnet tiefer Kenntnisse in seinem Fach, und dabey von sehr aufgeklärter Denkungsart. Da er nach dieser letztern manche Vorurtheile seiner Glaubensgenossen nicht begünstigen, sondern mit dem Geist der Zeit hat Schritt halten wollen, so scheint er sich dadurch hier und da Widersacher erregt zu haben“
StA Detmold, P 2, 132, Isr. Sterberegister Paderborn
Ebd., M1-IL, Nr. 292 mit Unterstützungsgesuchen seiner Witwe Henriette.
Publikationen
Divre Menah. em, Responsen, Offenbach 1804 [Expl. JNUL 2° 23-V-10032], 83 Bl. Im Vorwort verweist er auf ein ungedrucktes Werk mit dem Titel ‘Arugoth ha-Boœäm, enthaltend Talmudauslegungen zu versch. Traktaten
Divre ’Iggäräth, Responsen zugunsten der Neuerungen des Kasseler Konsistoriums, insbes. des erlaubten Verzehrs von Hülsenfrüchten auf Pessach, hrsg. Wolf Heidenheim, Rödelheim, 1812, 16 Bl
Dt. Predigten, s. Sulamith IV, 2, S. 251.
Literatur
Sulamith II, 2, S. 298, Rabbinerliste des Westphäl. Kgrs. vom 15. März 1809
[David Caro,] Berith ’Ämäth, Dessau 1820, S. 117 Anm.: „Ach wären doch alle Rabbiner Israels so wie er! Wie würden sie vor Gott und Menschen angenehm uns machen!“- Graetz, Geschichte3, Bd. XI, S. 290, 386: „ein jüngerer, kenntnisreicher und klarer Talmudist, hatte selbst eine stille Neigung für religiöse Neuerungen und unterstützte mit seinem rabbinischen Wissen die Reformversuche, welche von Jacobson später ausgingen“
Kayserling, Jüdische Kanzelredner I 413
JE XI 543
L. Löwenstein, „Zur Geschichte der Juden in Fürth“, JJLG 6 (1908), S. 198
Lazarus, MGWJ 58 (1914), S. 185-186, 459-482
Martha Evers, Geschichte der Juden der Stadt Warburg zur fürstbischöflichen Zeit, Phil. Diss. Münster 1919, S. 74f
Wininger V 618
Eliav, Jüdische Erziehung, S. 155, 159-162
Arnsberg, Hessen, Bd. I, S. 418
EJ eng. XV 369, mit Todesjahr 1825
Katz, Out of the Ghetto, S. 138
Naarmann, Paderborner Juden, S. 125
Meyer, Response to Modernity, S. 33, 37-39, 43, 55, 100
Judith Bleich, „Menahem Mendel Steinhardt’s ’Divrei Iggeret’, Harbinger of Reform“, WCJS 10, B2 (1990), p. 207-214