Sohn des Handelsmanns Baruch U. und der Judith Isaac Jonas. Sollte ursprünglich Viehhändler werden, wird dann zum Talmudstudium nach Bingen und mit 17 J. nach Darmstadt geschickt, wo er „durch Bekanntschaft mit mehreren jungen aufgeklärten Leuten angeregt“ auch Kenntnisse im Dt., Frz. und Lat. erwirbt. Ist seit 1823 Vikar beim Rb. Callmann Mengeburg in Darmstadt
erhält 1829 die Morenu von diesem sowie den Rb. Leo Ellinger in Mainz und Seckel- Löb Wormser in Michelstadt. 7. Dez. 1829 imm. Bonn, dreieinhalbjähr. Studium bei Georg Wilhelm Freytag als „Kandidat der jüdischen Theologie“, gehört zum Freundeskreis um Geiger und Hirsch
dann Hauslehrer bei dem Kaufmann Zons in Koblenz
Bewerber in Wiesbaden (Juni 1830), 20. Mai 1835 prom. Gießen. 11. März 1836 Konsistorial-Oberrb. in Krefeld. Seine „Synagogen-, Trauungs- und Begräbnisordnung“ vom 20. Mai 1836 wird zwar in allen Synagogen der Regierungsbezirke Düsseldorf, Köln und Aachen eingeführt, aber nicht überall durchgesetzt
insbesondere in der eigenen Gem. trifft U. auf Widerstand, weshalb er sich vergeblich um Verlegung des Sitzes nach Aachen bemüht. 16. Aug. 1836 Heirat mit Nanette-Nannche Süßel (geb. 1808 in Abersheim, gest. nach 1868 in Frankfurt), einer Waise des Handelsmanns Leopold S. und Adoptivtochter des Mainzer Rb. Leo Ellinger. Auf seine kurz vor seinem Tode verfaßte Petition setzt die Rheinische Ständeversammlung das napoleonische „Décret infâme“ außer Kraft.
Dokumente
LHA Koblenz, 656,121/1 nennt die Geburt von „Baruch, Lion, 15 frimaire an 13“ und 656,121/2 den Tod des Vaters „Ullmann, Baruch, 22. Dez. 1826“
StA Marburg, 307d, Nr. 73 (über frdl. Mitteilung von Herrn Dr. Gottfried Mehnert): Eine Dissertation unbekannten Themas wird von der Marburger Phil. Fak. 1835 als unzulänglich zurückgewiesen. Name der Mutter hiernach Henriette Israel
PSA Brühl, Krefeld H 1836 Nr. 156, hier als „Doctor Leopold Ullmann (früher Lion Baruch)“
LHA Koblenz, 403/936, Bl. 13-66, Bewerbung und Wahl in Krefeld, Protest des Konsistorialrats Leven und der orthod. Partei; Bl. 67-73, Agitation gegen ihn in der Gemeinde; Bl. 109ff, 173ff, Schriftverkehr wegen Versorgung seiner Witwe
HStA Düsseldorf, Reg. Düsseldorf Nr. 3842, Witwenpension, 1868.
Publikationen
Trauerrede zu Ehren des verstorbenen Herrn Löw Carlburg, Coblenz 1835
Rede beim Antritte seines Amtes, Krefeld 1836, 24 S. (vgl. Stockhausen, S. 57-60, nach Expl. in LHA Koblenz, 403/936, Bl. 99-100)
Der Koran. Aus dem Arabischen wortgetreu neu übersetzt, und mit erläuternden Anmerkungen versehen, Krefeld 1840, erste deutsche Koranübersetzung, bis heute nachgedruckt.
Epigraphik
Grabstein in Krefeld, Friedhof Heideckstr., die falsche Wiedergabe von „Rabbiner Doktor“ durch ha-rav rofe’ wurde später überschwärzt und durch ha-rav ’[av] b[eth] d[in] ersetzt. Siehe Brocke u. a., Steine wie Seelen, S. 91-93.
Literatur
AZJ 1840, S. 291f; 1841, S. 340, Widerstand gegen seine Reformpläne
AZJ 1843, S. 617- 619, Nachruf: „Er vermied alle Gewaltstreiche“
Orient 1843, S. 330, 332f, 390, Nachruf: „Ein Hauptbestreben des Herrn Ullmann war nun allenthalben die jüdischen Elementarschulen durch Anstellung geeigneter Lehrer [...] Er huldigte dem Fortschritte im Judenthume und hielt desto fester an den Hauptlehren des Judenthums“
Grabrede von Abraham Stein, damals stud. theol. in Bonn, wurde in Kleve gedruckt
Kayserling, Jüdische Kanzelredner II 308
Geiger, Nachgel. Schr. V 20: „Er ist vielseitig gewandt, aber oberflächlich und ohne Tiefe, ein geschickter Redner, aber ohne Feuer und Begeisterung, klug, vorsichtig, gutmüthig, mit Jedermann befreundet“
Eleonore Stockhausen, „Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Krefelds im 19. Jahrhundert“, in: Krefelder Juden, Bonn 1981, S. 57-60
Ludwig Hügen, Jüdische Gemeinden am Niederrhein - ihre Geschichte, ihr Schicksal, Willich 1985, S. 98