Geb. 16. Jan. 1812 in Rousínov (Neuraußnitz), Mähren,
Gest. 29. Nov. 1889 in Kojetín (Kojetein), Mähren
Sohn des Kaufmanns Michael B., Jeschiwot in Bonyhád, Preßburg und Buda, ordiniert von Rb. Wronik in Rousínov und von Landesrb. Neh. Trebitsch in Mikulov (Nikolsburg), dessen Tochter Regina Trebitsch er später heiratet. Seit Wroniks Tod im Dez. 1838 ist er Substitut in Rousínov. Bei der Wahl am 20. Dez. 1839 erhält er, wiewohl von Landesrb. Trebitsch protegiert, nur 2 von 127 Stimmen. Auch seine Wahl 1841 in Uherský Brod (Ungarisch-Brod) wird wegen Unregelmäßigkeiten angefochten
bei der Neuwahl am 13. Okt. 1841 entfallen nur 6 von 106 Stimmen auf ihn. 1844 wird er Rb. in Kojetín. Bewerber um das mährische Landesrt. (Dez. 1846), um die Rabbinerstelle in Velké Meziříčí (Groß-Meseritsch
1852) und um die Predigerstelle in Preßburg. Vater des Rb. Nehemias B. und des Publizisten Adolf (Elchanan) B.
Lehrer von David Kaufmann.
Dokumente
ŽM Prag, Mikulov, b. č., mit Unterstützung von Landesrb. Trebitsch für B. in Auseinandersetzungen mit dem Vorstand in Rousínov, 18. Nov. 1839
Ebd. vom 16. Juli 1841 Bericht über die Wahl in Uherský Brod, bei welcher der Vorstand sich „unerlaubte und sträfliche Winkelzüge“ erlaubt habe
Ebd. vom 21. Nov. 1841 Bericht über die Wahlwiederholung
Ebd. vom 16. Nov. 1841 Bestätigung Trebitschs für B.s Einsetzung in Kojetín
ZA Brünn, B14, M604 (1842), Z. 47069, Anfechtung der Wahl in Kojetín durch den Kompetenten Jakob Karpeles
ÖStA/AVA Wien, Studienhofkommission, Karton 552, vom 10. Jan. 1846; und ZA Brünn, M614, Z 53686, vom 7. Dez. 1846, Bewerbung um Landesrabbinerstelle, mit Lebenslauf
ŽM Prag, Nr. 67.967, Bewerbung in Velké Meziříčí (Groß-Meseritsch) vom 14. Juni 1852
Ebd., Nr. 88.972 enthält ein von ihm ausgestelltes Morenu-Diplom (1866/67)
ÖStA/AVA Wien, Neuer Kultus, Israelitischer Kultus, D 5, vom 22. Apr. 1867, Gutachten über die Einrichtung eines isr. Proseminars und von Talmudschulen in Mähren
ŽM Prag, Nr. 128.402, S. 580, vom 20. Mai 1869, Bewerbung um das Prager Oberrt.; er habe „ausgebreitete Kenntnisse in der biblischen und talmudischen wie überhaupt in der ganzen jüdischen Literatur“.
Publikationen
(Hrsg.) Zwi-Hirsch Chajes, Ma’amar ’iggäräth biqoräth, redaktionsgeschichtliche Forschungen über Targumim und Midraschim, Preßburg 1852, 43 Bl., photomech. Nachdruck Jerusalem 1970
Doreš leS. iyyon, hebr. Werk über die Merkzeichen im Talmud mit dt. Nebentitel Die Mnemonik des Talmuds. Eine historisch-kritische Untersuchung, 1864, 53 S
Gutachten ausländischer Rabbinen, S. 29-31, gegen die ungarische Trennungsorthodoxie
Mevo’ ha-Mišnah. Toledoth gedole torah mimoth ‘Äzra’ ‘ad sof ha-Mišnah wedarche limmudehem, Einleitung in die Mischna, 2 Bde. Frankfurt a. M. 1876-1885, 296 + 167 S.; photomech. Nachdruck Jerusalem 1970; Kommentar von David Schiffmann, Ha-Bikkurim weha-Re’ayon, Jerusalem 1879
Bän Zequnim, vermischte talmudische Forschungen und Responsen, Drohobych 1889, 102 S
Beiträge zu Ben-Chananja, Beth-Talmud von Friedmann und Weiss, JJGL.
Epigraphik
Grabstätte in Kojetín auf dem jüd. Friedhof an der ul. Olomoucka.
Literatur
IA 1840, S. 133f über „Rabbinerkrise“ in Rousínov
Neuzeit 1863, S. 354, Bewerbung in Preßburg
Lippe 1879/81, S. 55
Nachruf Neuzeit 1889, S. 468f., betont den Umfang seiner traditionellem Gelehrsamkeit, da er „den ganzen Talmud beherrschte und ein Mann von historisch kritischer Schulung war“
Zeitlin, Bibliotheca, S. 43, 54
Frankl-Grün, Kremsier, Bd. III, S. 150
Kayserling, „Jüdische Literatur“, S. 740, 769
JE III 402
ADB XLVII 295
JL I 1181f
Gold (Hrsg.), Judengemeinden Mährens, 1929, S. 283, mit Bildnis. „Brüll beherrschte den ganzen Talmud wie kein zweiter seiner Zeit, den er im liberalsten Sinne auslegte [...] Wissen und reine Erfassung des Menschentums waren in ihm, dem letzten Rabbiner alten Schlages, zu einer harmonischen Einheit verschmolzen. Wie manchen der chassidischen Rabbis, so war auch ihm inniger Humor und ein Hang zur Mystik eigen. Die jüdische Bevölkerung, mit der ihn natürlich ein liebevolles Verhältnis verband, empfing auch sonst aus dem trauten Rabbinerhause jede Anregung für moderne Kultur und Bildung, und nicht selten vernahm man dort neben talmudischen Disputen auch die ergreifenden Klänge klassischer Musik“
EJ dt. IV 1104
Wininger I 469f
EJ eng. IV 1416
Gary G. Porton, „Jacob Brüll: The Mishnah as a Law-Code“, in Jacob Neusner (Hrsg.), The Modern Study of the Mishnah, Leiden 1973