Sohn des Rb. Isaak H. und der Beile Rothschild. Mit einem Zeugnis des Superintendenten von Stadtlengsfeld 31. Okt. 1824 Einschreibung als Orientalist an der Universität Würzburg, 1827 Rückkehr nach Stadtlengsfeld. Als Nachfolger des Vaters durch Ministerialreskript vom 3. Juni 1829 zum Landesrb. für Sachsen-Weimar-Eisenach in Stadtlengsfeld ernannt, 5. Nov. 1829 prom. Jena. Versucht die von der Regierung angeordnete radikale Kultusreform durchzusetzen, 1835 Mitglied in Geigers „Verein jüd. Gelehrter“, 1836 in Breslau Heirat mit Henriette geb. Heß (gest. 1878), einer Tochter des dortigen Kaufmanns Siegmund Heß. Bewerber in Kassel (1836) und beim Hamburger Tempelverein (1840), Teilnehmer der 1.-3. Rb.-Versammlung, 1844 Verlegung des Wohnsitzes nach Eisenach, 1846 Bewerber um die Predigerstelle der Berliner Reformgenossenschaft. Seit März 1863 gelähmt
wurde seither von dem Lehrer Löwenstein jun. vertreten.
Dokumente
ARS Würzburg Nr. 1645 über die in Würzburg belegten Kollegien
UA Jena, M 263, Bl. 220-227 (266-273 nach neuer Foliierung), Promotionsakten. Anstelle der Dissertation hatte H. ein Predigtmanuskript eingereicht, lt. der Gutachter „eine in ausgezeichnetem Grade zu seinem Vortheile sprechende Probe nicht nur seiner religiösen Gemüthsbildung, sondern auch seiner philosophischen Geistesbildung“
CAHJP Jerusalem, Inv. 1706b und 7106c, Familienstand
CJA Berlin, 75 A Nr. 1, fol. 2-2v. Kondolenzschreiben des Kultusvorstandes in Aschenhausen an seine Frau 4. Okt. 1871: „Er war der allezeit eifrige Förderer u. Beschützer der Schulen u. aller Anstalten, die der geistigen u. sittlichen Veredlung gewidmet“
Die Einführung gottesdienstlicher Reformen im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach, anon. Ms. im JTS New York.
Publikationen
„Traurede, gehalten bei der Trauung eines isr. Ackermannes“, Sulamith VII,2 [1828-33], S. 252-255
Predigt, gehalten in Weimar, 1832
Confirmations-Rede, gehalten in Weimar, 1832
Predigten, Konfirmations-, Trau- und Schul-Einführungs-Reden, Bd. I Eisenach 1838, Bd. II Hersfeld 1843, Bd. III Weimar 1848
„Der hohe Werth der israel. Religion u. der heilige Beruf ihrer Bekenner“, Predigt, Die Synagoge 1839, S. 208-216
Der Seegen des Versöhnungstages. Predigt, gehalten bei dem deutsch-israel. Gottesdienste in Leipzig, Breslau [1841]
Hrsg. der Zschr. Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts, 1839-1848. „Ungeachtet der geistigen Unterstützung Abraham Geiger’s, David Einhorn’s, Sam. Holdheim’s u. a. vermochte das Blatt, das zuletzt noch von Holdheim mitredigirt wurde, nie zu rechtem Leben zu kommen und es entschlief Ende Juni 1848“ (Kayserling, „Jüd. Lit.“, S. 865)
Eingabe gegen den Judeneid; abgedruckt in IA 1841, S. 389-391
Gutachten zugunsten Abr. Geigers, 24. Aug. 1842, in Rabbinische Gutachten über die Verträglichkeit der freien Forschung ..., Bd. I, S. 140-162
Ausgewählte Predigten: Confirmations-, Schuleinführungs-, Trauungs-, Wiegen- und Grabreden, Hersfeld 1871, 209 S.
Literatur
Im Subskribentenverzeichnis der Fürther Talmudausgabe von 1832 heißt er Ha-Rav ha-mefursam He‘rr Hes (ohne Morenu-Titel!)
AZJ 1837, S. 25-27; 1838, S. 146; 1845, S. 62; 1853, S. 474; IA 1840, S. 136, Rechtfertigung gegen Vorwurf der Kollaboration bei den staatlich verordneten Gottesdienstreformen
IA 1839, S. 351, Predigten
IA 1840, S. 174, Probepredigt am Hamburger Tempel
IA 1840, S. 389-391, Eingabe gegen den Judeneid
Orient 1841, S. 64, Plan zu einer Schule, die isr. Jungen für die Universität vorbereiten soll
AZJ 1845, S. 72, polemische Beschreibung seiner Person im Wahlkampf um das Kasseler Landesrt
Orient 1849, S. 106, Rede auf einer Volksversammlung in Eisenach für die Aufrechterhaltung der deutschen Verfassung
AZJ 1850, S. 655f, Predigt bei Vereinigung der Konfessionsschulen
AZJ 1853, S. 447f, Inspektionsreise im Großherzogtum
Steinschneider, Bodleiana, Bd. II, Sp. 1040
AZJ 1860, S. 494, Sammlung für Wiederaufbau der abgebrannten Synagoge in Geisa
AZJ 1864, S. 747, Einweihung des Betsaals in Eisenach
AZJ 1868, S. 331, Einweihung des jüd. Friedhofs in Eisenach
Kayserling, Jüdische Kanzelredner II 153-165
AZJ 1871, S. 863, Nachruf: „Bekanntlich gehörte er der äußersten Reformpartei an, in welchem Sinne er auch eine Zeit lang eine Zeitschrift herausgab. Längere Zeit hindurch war er die Zuflucht für Brautpaare gemischter Confession. Viele Jahre leidend, hielt er sich während des letzten Stadiums seines Lebens von der Oeffentlichkeit zurückgezogen.“- UI 27 (1871/72), S. 127 gibt ihm den Spitznamen „le forgeron de Gretna Green juif“
Lazarus Adler, Grabrede bei Beerdigung des Großherzoglichen Landrabbiners Hern Dr. Mendel Heß zu Eisenach, Eisenach 1871, S. 5f: „Der Entschlafene, der in Folge seiner Begabung als neunzehnjähriger Jüngling das Elternhaus verließ, von den Folianten des Talmuds, aus welchen er das talmudische Judenthum in sich aufnahm, hinweg in die Hörsäle der Philosophie, Geschichte, Mathematik und Naturwissenschaft eintrat, unter den Augen eines gläubigen, keinem Zweifel zugängigen Vaters, der als Rabbiner ihm auch Lehrer war, lernend jetzt mit nach Wissen brennendem Durste, die Gelehrsamkeit deutscher Gelehrten staunend vernahm: der Entschlafene befand sich gleich vielen Talmudjüngern jener Zeit in dieser Lage, sich selbst oder andere belügen zu müssen. War es verwerflich, verdient es Tadel oder Anerkennung, wenn er weder das eine noch das andere wollte [...] und in seiner Geistesrichtung nicht zum Verräther an sich selbst wurde?“- Kayserling, „Jüdische Literatur“, S. 803, 864f
JE VI 372
Wininger III 92
EJ dt. 1229
Wiener, S. 31, 99
EJ eng. VIII 430f
Meyer, Response to Modernity, S. 104, 122, 135, „the most extreme among the rabbis“
Herbert Eilers, „Die Entstehung des Sachsen-Weimar-Eisenachischen Landrabbinats und Dr. Mendel Heß, Landrabbiner zu Lengsfeld und Eisenach“, Wartburgland 23 (1992), S. 46-49, abgedruckt auch in Sonderveröffentlichung des Heimatkreises Eisenach anläßlich der Begegnungswoche mit ehemaligen Mitbürgern der Wartburgstadt, vervielfältigtes Ms., Bonn 1995, S. 6-9
DBE IV 672
Brämer, Rabbiner und Vorstand, S. 52f, 176, 211
Wilke, Den Talmud und den Kant, S. 585, 615
Mitteilungen von Frau Gabriele Olbrisch aus ihrer Dissertation über die Landrabbinate in Thüringen.