BHR Biographisches Portal der Rabbiner

HILDESHEIMER, Esriel, Dr., gen. meist Israel H.

  • Geb. 20. Mai 1820 in Halberstadt,
  • Gest. 12. Juli 1899 in Berlin
  • Sohn des Löb Glei und der Golde Goslar, 1826 zur „Hascharat-Zwi“- Schule in Halberstadt, nach Abschluß der Schulpflicht 1834 Talmudstudium bei Ortsrb. Mathias Levian sowie bei den Stiftsrabbinern Joseph Eger und Gerson Josaphat. Mit einem Zeugnis des letzteren (24. Okt. 1837) nach Altona zur Jeschiwa von dessen Lehrer Jacob Ettlinger, dort 4 1/2 jähr. Studium
  • kurzzeitig auch Schüler bei Isaak Bernays in Hamburg. Durch paralleles Privatstudium der Schulfächer hatte er 1842 erst das Niveau der Tertia erreicht, bestand aber nach weiterer Vorbereitung am Gymnasium in Halberstadt 1843 die Abiturprüfung. Verlobung mit Henriette- Jettchen Hirsch (1824-1883), Schwester der Gebrüder Josef und Gustav-Mordechai Hirsch, die ihn als kapitalkräftige Fabrikanten fortan aller Nahrungssorgen entheben. 1. Nov. 1843 imm. Berlin, 1845 zum Studium der orientalischen Sprachen nach Halle, 4. Aug. 1846 prom. das. Rückkehr nach Halberstadt. Am 26. Aug. 1846 heiratet er seine Verlobte und lebt im Haus seines Schwiegervaters als Privatgelehrter (AZJ 1848, S. 15), sammelt Schüler um sich, ist auch Assessor des Rabbiners und Nachfolger seines Bruders als Sekretär der jüd. Gemeinde. Sommer 1851 Rb. in Eisenstadt und Gründung einer Jeschiwa, die bis zu 150 Schülern anwächst. Verhandlungen wegen Aufnahme als „zweiter Rb.“ und Jeschiwaleiter in Preßburg (1861). Seit Februar 1867 Verhandlungen um Wechsel an das Berliner Bet-Midrasch, da er sich in Ungarn als orthodoxer Modernist auf verlorenem Posten weiß. „Ich mache mir nämlich gar keine Illusion, dass ich mich über die wichtigsten Fragen in Cultur- und Schulangelegenheiten mit meiner Partei [...] in der Minorität bin, was ich besonders durch die vielen schriftlichen Vorstellungen der gedole rabbanim bimedinathenu gegen meine Abhandlungen über die Seminar- und Schulfondfrage [...] gesehen“ (Briefe, S. 49, vom 18. Apr. 1867). Der „Israelitisch-Ungarische Kongreß“ im Dezember 1868 offenbart die doppelte Opposition der Neologen und der Altorthodoxen und Chassidim. 2. Sept. 1869 Stiftsrb. in Berlin und zugleich Rb. der orthodoxen Gemeinde „Adass Jisroel“. Auf sein Gehalt von 400 Tl. verzichtet er schon nach einem Jahr zugunsten seiner Lehrhauskollegen. Unter seiner Leitung werden am 10. Okt. 1869 die Gemeindeschule, am 5. Aug. 1870 die eigene Synagoge und am 22. Okt. 1873 das orthodoxe Rabbinerseminar eingeweiht
  • die organisatorische Spaltung von der Gesamtgemeinde wird durch das Austrittsgesetz vom 28. Juli 1876 ermöglicht. 1888 Gründer des Palästinahilfsvereins „Lemaan Zion“
  • 1897 der „Vereinigung traditionell-gesetzestreuer Rabbiner“. Zu den Dozenten am Seminar zählen seine Söhne Hirsch H. (1855-1910) und Meier H. (1864-1934) sowie dessen Sohn Esriel (Erich) H., der spätere Leiter der Tel-Aviver Stadtbibliothek.

Dissertation

  • De vetere testamento recte interpretando, Diss. Halle 1846.

Dokumente

  • UA Halle, Phil. Fak. I, Nr. 19/1, enthält Dissertation mit hebräischer Vita. Danach hatte er 3 1/2 Jahre in Altona und sodann weitere 2 1/2 Jahre am Halberstädter Gymnasium studiert
  • Ebd., Phil. Fak. II Nr. 65, Bl. 22v-27r Promotionsakten, darin Bl. 25r das eher ungünstige Gutachten von Prof. Rödiger über die Diss. („enthält manches Triviale“)
  • JM Frankfurt/M., PSR B 118, Trauregister Halberstadt.

Manuskripte

  • CAHJP Jerusalem RHMP-2 (= HM 9684, 9685, 9969) Nachlaß
  • Inv. 3606 Vortrag über hebr. Poesie, aus Eisenstadt
  • Hss. mit Talmudexegesen im Besitz seines Enkels, daraus „H. iddušim beReš mesächät Yevamot“, Moriyyah VII,6-7, S. 16-19. Schüler. Die Jeschiwa in Eisenstadt wurde besucht „von den Rabbinern Dr. A. Cohn in Nakel, Dr. J. Cohn in Kattowitz, Kreisrabbiner Strauß in Rotenburg, Stiftsgelehrter Dr. Hollander in Hannover, Director Dr. Wolf in Biblis etc., noch Einigen, welche vor Absolvirung ihrer Studien diese Jeschiwa aufsuchten, wie Dr. Speyer in Eschwege, Dr. Löwenstein in Tauberbischofsheim etc.“ (JP 1872, S. 173).

Publikationen

  • (Esriel Hildesheimer, „Rabbi Esriel Hildesheimer, Bibliographie seiner Schriften“ in Alei Sefer. A Journal of Hebrew Bibliography and Booklore 14, 1987)
  • Mitarbeiter der Zschr. Der Orient (1848-50), u. a. „Materialien zur Beurtheilung der Septuaginta“, Orient 1848, Nr. 30ff; mit Verteidigung des masoretischen Texts
  • „Michtav be‘inyan ha-h. aqirah ‘al ši‘ur ha-dam“, Šomer S. iyyon ha-Nä’äman, S. 63-64
  • „Be’ur sugya’ Qiddušin daf 14b“, ebd., S. 395
  • Nur „Esriel“ gezeichnet ist der Beitrag „Besugya’ H. agigah daf 9“, ebd., S. 115
  • Übs. Minh. ah T. ehorah von Salman b. Moses Bonhard, über die den Frauen zukommenden Ritualvorschriften, Preßburg 1858, 36 S
  • Erster Bericht der seit sechs und einem halben Jahre bestehenden, und seit sechs Monaten von der hohen k. k. Statthalterei-Abtheilung zu Oedenburg anerkannten provisorischen Lehranstalt für Rabbinats-Kandidaten zu Eisenstadt, Wien 1858
  • Offener Brief an [...] Leopold Löw, Wien 1858, mit Verteidigung der Eisenstädter Jeschiwa
  • „Die [Ludwig] Geigersche Broschüre „Notwendigkeit und Maass einer Reform des jüd. Gottesdienstes“ beurtheilt“, Israelit-Separatdruck Mainz 1861, 56 S. [Expl. GJ Köln, Bm1-Hil]
  • „Auch einige Worte über die Verwendung des ungarischen ’Schulfondes’„, Der Israelit 3 (1862), S. 298ff, 308-311, 315ff
  • „Der von der Rabbinercommission zu Pesth veröffentlichte Entwurf zur Gründung eines Rabbinerseminars“, Der Israelit 5 (1864), S. 357-360, 373-377, 386f, 399f
  • „Noch einmal über die Jeschiba- Angelegenheit“, Der Israelit 6 (1865), S. 682-693; 7 (1866), S. 9-11, 47, 83f, 102-104, 188-190, 213f, 347-349, 363f, 383-385, 398-401
  • [Zweiter] Bericht der öffentl. Rabbinats-Schule zu Eisenstadt, Prag 1868
  • Kommentar zu Nethivoth ‘Olam, dritter Teil des Sefär ha-Kerithuth, Halberstadt 1869
  • Dritter Bericht über die öffentliche Rabbinatsschule zu Eisenstadt, Halberstadt 1869
  • Festrede, gehalten am Œimh. ath Torah 5631 in der Synagoge der Adath-Israel-Gemeinde in Berlin, 1870
  • „Rede zur Eröffnung des Rabbiner-Seminars“, in Jahres-Bericht des Rabbiner- Seminars für das orthodoxe Judenthum pro 5684, Berlin 1875, S. 84-89
  • Einladungsschrift zu der ... öffentlichen Prüfung der Religions-Schule der Gemeinde Adaß-Jisroel, Berlin 1879 [Expl. GJ]
  • Die jüdische Solidarität. Vortrag, gehalten im Sefath-Emeth-Verein, Berlin 1880
  • Die astronomischen Kapitel in Maimonidis Abhandlung über die Neumondsheiligung, Berlin 1882
  • Halachoth Gedoloth mit Einleitung und Anmerkungen, Berlin 1888-1892, 825 S
  • Middot Bet ha-Miqdaš šäl Hordos bimesächät Middot uvekitve Yosef bän Mattithyahu, 1974. Werkausgaben. Gesammelte Aufsätze, hrsg. Meier Hildesheimer; Frankfurt 1923
  • Briefe / ’Iggarot, hrsg. Mordechai Eliav, Jerusalem 1965-66
  • Šeelot utešuvot Rabbi ‘Äzri’el ‘al ’Orah. H. ayyim - Yoreh De‘ah, Responsen, Bd. I zu OH, hrsg. von Meir Hildesheimer mit einer Einleitung, Tel Aviv 1969; Bd. II zu EE und HM mit Homilien, 1976.

Epigraphik

  • Grab auf dem Friedhof der Adass Jisroel, Wittlicher Str.; siehe Zeugnisse jüdischer Kultur, S. 138; Grabinschrift bei Brocke u. a., Stein und Name, S. 206-209.

Bildmaterialien

  • An Bildnissen werden eine Xylographie mit hebr. Unterschrift (Ex. im Berlin-Museum) und eine Photographie (LBI New York) am meisten reproduziert; siehe Nechama/Sievernich (Hrsg.), Lebenswelten, S. 201, 498
  • Bildnisgemälde (ca. 1890) im Musée d’art et d’histoire du Judaïsme, Paris
  • Biograph. Materialsammlung von Arthur Posner; CAHJP Jerusalem, P 40, Nr. 136, 170.

Literatur

  • [Gustav Karpeles,] „Dr. I. H., eine biographische Skizze“, Fft./M. 1870
  • Baeck, Geschichte, S. 518
  • Lippe 1879/81, S. 178 „Die hervorragende Bedeutung dieses ausgezeichneten Rabbiners für die Förderung der Wissenschaft des Judenthums liegt weniger im literarischen Schaffen, als im unermüdlichen Handeln und lebenskräftiger That“
  • Vier Trauerreden, gehalten zu Ehren der am 16. Siwan 5643 hingeschiedenen Frau Rabb. Dr. Henriette Hildesheimer ZL. geb. Hirsch, Berlin 1883
  • Neuzeit 1889, S. 460, aus reformistischer Sicht über seine Schule: „Ihr Grundsatz ist: Die Gemeinden spalten, den Frieden zerstören, um nur auf ihrem extremen Standpunkte zu verharren“
  • Jubelschrift zum siebzigsten Geburtstag des Dr. Israel Hildesheimer, 1890
  • S. P. Rabinowitz, „Ha-rav rav-pealim: toledot R. ‘Ä. H.“, Luah. ’Ah. i’asaf 5650 (1899-1900), S. 308-321
  • Goldberger, in Ha-S. ofäh leH. åchmath Yiœra’el IX, 314
  • S. Daiches, Rabbi I. H., ein Lebensbild. Erinnerungsblatt zu seinem ersten Jahrzeitstage, Berlin 1900
  • JE VI 395
  • ADB L 329f, mit Sterbedatum 12. Juni 1899, so auch DBE
  • Josef Nobel, H. und Kutna, zwei Rabbinen Eisenstadts, Székesfehérvár 1908
  • M. Hildesheimer, „Aus dem Briefwechsel I. H.s“, Festschrift für Salomon Carlebach, Berlin 1910, S. 243-263
  • Rosenheim, Aufsätze und Ansprachen, 1913
  • Schwartz, Šem ha-Gedolim me’äräs. Hagar, Bd. I, Ayin, Nr. 7a
  • S. Klein, „Einiges über die Tätigkeit Dr. I. H.s in Ungarn (1851-1869), Jeschurun 7 (1920)
  • S. Grünberg, „Mas. diq ha-rabbim“, Jeschurun 7 (1920), hebräischer Teil, S. 45-61
  • JL II 1591-1593 mit Bildnis
  • A. Cohn, „Persönliche Erinnerung“, in Reden und Aufsätze, 1928
  • Wininger III 101f
  • Ujvári, Magyar zsidó lexikon, S. 364
  • EJ dt. VIII 34-38
  • Meir Hildesheimer, „Ha-rav ‘Ä. H. ‘al Rabbi Zecharyah Franqäl uveth ha-midraš lerabbanim beBreslau“, Ha-Ma‘yan 1 (1953), S. 65-73
  • Eliav, Jüdische Erziehung, S. 204, 306
  • Mordechai Eliav, „Torah ‘im däräch ’äräs. beHungaryah“ Sinai 51 (1961), S. 127-142
  • Mordechai Eliav, „Meqomo šäl ha-Rav ‘Ä. H. be ma’avaq ‘al demutah ha-ruh. anit šäl yahadut Hungaryah“, Zion 27 (1962), S. 59-86
  • J. Wolfsberg, Deyoqna’ot, Jerusalem 1962, S. 40-56
  • ’Äns. iqlopädyah ‘ivrith XIV 182f
  • Meir Hildesheimer, „Qawwim lidemuto šäl R. ‘Ä. H.“, Sinai 54 (1964), S. 67-94
  • Mordechai Eliav (Hrsg.), Rabbiner E. H., Briefe, Jerusalem 1965
  • B. Z. Auerbach, „Toledot h. ayyim šäl R. ‘Ä. H. be‘ir moledatho Halberšt. adt. “, Sefär zikkaron ha-Rav Wayinberg, hrsg. E. Hildesheimer und K. Kahana, Jerusalem 1969, S. 229-235
  • EJ eng. VIII 476-478 mit Bildnis
  • Meir Hildesheimer, „Ha-rav wetalmido“, Ha-Ma‘yan 12,3 (1972), S. 40- 48
  • Meir Hildesheimer, „Ketavim bidevar yesod Bet ha-Midraš leRabbanim beBerlin“, Ha- Ma‘yan 14,2 (1973/74), S. 12-37
  • David Ellenson, „A Response by Modern Orthodoxy to Jewish Religious Pluralism: The Case of E. H.“, Tradition 17,4 (1979), S. 74-89
  • Ders., „R. E. H. and the Quest for Religious Authority: the Earliest Years“, Modern Judaism 1 (1981), S. 279- 297
  • Ders., „The role of Reform in Selected German-Jewish Orthodox Responsa: a Sociological Analysis“, HUCA 53 (1983) S. 357-380
  • Ezriel Hildesheimer, „R. ‘Ä. H. wehašqafatho ‘al ’torah ‘im däräch ’äräs. ’“, in Mordechai Breuer (Hrsg.), Torah ‘im däräch ’äräs. , Ramat-Gan 1987, S. 75-82
  • David Ellenson, Rabbi E. H. and the Creation of a Modern Orthodoxy, Tuscaloosa und London 1990
  • Battenberg, Bd. II, S. 162
  • Mordechai Eliav, „Various approaches to „Torah im Derekh Eretz“: Ideal and Reality“, Tradition 26,2 (1992), S. 99-108
  • Maier, Jüdische Religion, S. 643
  • Mordechai Eliav, „Das öffentliche und erzieherische Wirken Rabbi E. H.s in Eisenstadt“, in: Schlomo Spitzer (Hrsg.), Beiträge zur Geschichte der Juden im Burgenland, Jerusalem 1994, S. 65-80
  • Jacob Katz, Ha-qära‘ šä-lo’ nit’ah. ah, Jerusalem 1995
  • Mordechai Eliav, „Ha-räqa‘ lekinnun Bet ha-Midraš leRabbanim beBerlin“, in M. Eliav und Esriel Hildesheimer II, Bet ha- Midraš leRabbanim beBerlin, 1873-1938, Jerusalem 1996, S. 1-13
  • DBE V 39, mit Geburtsdatum 5. Mai 1820
  • Esriel Hildesheimer, „Die Familie Hildesheimer und ihr Einfluß auf die jüdische Orthodoxie“, in: Dick und Sassenberg (Hrsg.), Sachsen-Anhalt, S. 244-253
  • Über H.s Schwiegerfamilie Peter Schulze, „Vom Handelshaus ’Aron Hirsch & Sohn’ zu den ’Hirsch Kupfer- und Messingwerken’ (1806-1931): Ein fast vergessenes Kapitel aus der Geschichte der deutschen Metallindustrie“, ebd., S. 290-299
  • Brämer, Rabbiner und Vorstand, s. Reg
  • Marc B. Shapiro, „Rabbi E. H.’s Program of Torah U-Madda“, Torah U-Madda Journal 9 (2000), S. 76-86
  • Brigitta Eszter Gantner, „Die Hildesheimer’sche Jeschiwa in Eisenstadt“, Mnemosyne 27 (2001), S. 154-162
  • Biografisch-Bibliografisches Kirchenlexikon, Bd. XX (2002), Sp. 758-763
  • Wilke, Den Talmud und den Kant, S. 19, 33, 39, 53, 101, 111, 124, 161, 188, 213, 216, 288, 405, 438, 526-529, 532, 548, 572, 578, 603f, 619, 621, 665-669, 674, 678, 684, 687, 689, 691.