Geb. 19. Okt. 1826 in Miêdzychód (Birnbaum), Prov. Posen,
Gest. 3. Nov. 1890 in Breslau
Sohn des Rb. Heimann J., Volksschule in in Skwierzyna (Schwerin/W.), mit 13 J. ausschließlich rb. Studien beim Vater und seinen beiden älteren Brüdern David und Hermann. Mit 17 J. als Privatlehrer nach Posen, Okt. 1845 in die Secunda des dortigen Gymnasiums. März 1849 Reifeprüfung in Berlin, 15. Apr. 1849 imm. Berlin, studiert klass. Philol. und Philosophie, sowie die jüd. Wissenschaften bei Sachs und Zunz, 1852 Oberlehrerexamen, 18. Okt. 1853 prom. Halle, 1854 Dozent für Klassische Sprachen, Religionsphilosophie und Homiletik am Jüdisch-theologischen Seminar in Breslau
als Nachfolger Abr. Geigers 1863 liberaler Rb. der in zwei Kultuskommissionen aufgeteilten Gem. Breslau, auch Revisor der Industrieschule für isr. Mädchen
lehnt 1866 einen Ruf an das Berliner Rt. ab. Anhänger der konservativen Richtung Z. Frankels, doch Teilnehmer der liberalen Rb.-Versammlungen in Kassel (1868) und Leipzig (1869), wo er gegen Geiger eine Mäßigung der Kultusreform verficht. Mit seinem orthod. Kollegen Ged. Tiktin weiht er am die 29. Sept. 1872 die neue Breslauer Hauptsynagoge „Auf dem Anger“ ein.
Dissertation
Aristotelis de voluptate sententia, Diss. Halle 1853.
Dokumente
UA Halle, Phil. Fak. II, Nr. 79, Bl. 77-82, 87, Promotionsakten, mit lat. Vita auf Bl. 81. Über seine Erziehung beim Vater schreibt er: „Deinde patre duce Judaicis litteris, ceteris inopia magistrorum neglectis, totum me dedi. In quibus quamquam doctissimorum virorum judicio profeceram aliquid, graviter tamen pater optimus tulit, quod a tot aliis disciplinas ad ingenium excolendum quam maxime necessariis prorsus alienum eram“
Gutachter Hinrichs bemängelt an der Dissertation, sie sei „mehr räsonnirend und beurtheilend als speculativ“.
Publikationen
Die Religionsphilosophie des Moses ben Maimon, 1859, 49 S
Fest-Vortrag am Krönungstage Sr. Majestät des Königs Wilhelm I., 1861
Lewi ben Gerson (Gersonides) als Religionsphilosoph. Ein Beitrag zur Geschichte der Philosophie und der philosophischen Exegese des Mittelalters, 1862, 105 S
Verhältniss Albert des Großen zu Moses Maimonides. Ein Beitrag zur Geschichte der mittelalterlichen Philosophie, 1863
Rede an der Bahre des hingeschiedenen Rabbiners und Predigers Dr. Michael Sachs, 1864 (AZJ 1864, S. 298)
Worte gesprochen an der Bahre Meyerbeer’s, 1864, 7 S
Rede an der Bahre des Dr. Moses Veit, Berlin 1864
Religiöse Vorträge, gehalten am Bettage, den 27. Juni und an dem Sieges-Dankfeste, den 14. Juli 1866, 1866.-“Was haben wir zu thun?“, AZJ 1866, S. 595-599; über die Juden nach der Auflösung des Deutschen Bundes
Don Chasdai Creskas religionsphilosophische Lehren in ihrem geschichtlichen Einflusse dargestellt 1866, 83 S.; hebr. Übs. Zwi Har-Scheffer, Tel Aviv 1928, 112 S
Fest- Predigt zum siebenzigsten Geburtstage Sr. Majestät des Königs Wilhelm, 1867
Festpredigten, Breslau 1867, 228 S
Zur Orientirung in der Cultusfrage, 1869
Zum „Schutz“ gegen „Trutz“. Eine nothgedrungene Ergänzung der Schrift „Zur Orientirung in der Cultusfrage“, Breslau 1869, 29 S
Spinoza’s theologisch-politischer Tractat, auf seine Quellen geprüft, 1870, 76 S
Ein altjüdisches Steuergesetz. Predigt, 1870
Religiöse Vorträge, gehalten am Bettage den 27. Juli 1870 und am Geburtstage Sr. Majestät des Kaisers und Königs Wilhelm den 22. März 1871, 1871
Zur Genesis der Lehre Spinoza’s, 1871, 74 S
Predigt gehalten bei der Einweihung der neu erbauten Synagoge in Breslau, 1872
Israelitisches Gebetbuch für die öffentliche Andacht des ganzen Jahres. Auf Anordnung der Breslauer Gemeindekollegien, mit Benützung des bislang eingeführt gewesenen Geiger’schen Buches, neu bearbeitet, 2 Bde. Berlin 1872, 336 + 376 S.; die von Geiger gestrichenen Gebetspassagen erscheinen wieder im Kleindruck
Vortrag über das Buch Daniel, 1873
Etwas über die Bücher Sifra und Sifre, 1873
Rede bei der Todtenfeier für den Rabbiner Dr. Geiger, 1874
Lasker’s Resolution, 1875
Religionsphilosophische Zeitfragen, 1876
Meine in Veranlassung eines Processes abgegebenen Gutachten über den Talmud, 1877, 33 S
Predigt an dem Dank- und Bittgottesdienste anlässlich des Attentats auf Se. Majestät den Kaiser und König, 1878, 2 Aufll
Die Angriffe des Heidenthums gegen Juden und Christen in den ersten Jahrhunderten der römischen Cäsaren, 1879
Gegen Gildemeister, Verteidigung des Schulchan Aruch, 1884
Religiöser Vortrag bei der gottesdienstlichen Feier des hundertjährigen Todestages Moses Mendelssohn’s, 1886
Predigten, aus dem Nachlaß hrsg. von A. Eckstein und B. Ziemlich, 3 Bde. 1892-98
„Der Mosaismus und das Heidentum“, hrsg. v. A. Eckstein, JJGL 7 (1904), S. 35-90.
Epigraphik
Grabstätte auf dem Friedhof ul. Œlê¿na (Lohestr.) in Breslau; £agiewski, Pantheon, S. 127.
Bildmaterialien
JNUL Jerusalem, Schwadron Collection: Bildnis, reprod. in Ost und West 1904, Sp. 733.
Literatur
(Bibliographie/Schlesien, Nr. 2439-2445)
AZJ 1856, S. 187 Probepredigt für die Nachfolge Mannheimers in Wien
AZJ 1863, S. 583f, 618, 650; 1864, S. 85f, Wahl und Amtseinführung in Breslau
AZJ 1864, S. 116, bei Trauerfeier für Michael Sachs
AZJ 1864, S. 657f, bei Einweihung der neuen Synagoge in Tarnowskie Góry (Tarnowitz), Oberschlesien
AZJ 1865, S. 6, Gedächtnisrede zur Enthüllung eines Gedenksteins für Lassalle
AZJ 1865, S. 256; 1866, S. 213, Ablehnung des Rufs nach Berlin
Baeck, Geschichte, S. 499
Lippe 1879/81, S. 212-214
C. J., „M. J., eine biographische Skizze“, in Gedenkblätter zur Erinnerung an Dr. M. J., Rabbiner zu Breslau, Breslau 1890, S. 9-20
AZJ 1890, 561f, 589ff.; 1891, S. 61f, 558-560
Kayserling, Gedenkblätter, S. 39
Kayserling, „Jüdische Literatur“, S. 770, 803f, 826, 842-844: „Er verstand es, selbst philosophische Ideen schlicht, klar und überzeugend darzustellen. Seine Predigten sind edel in der Sprache, aber ohne Schwung, sie beschäftigen den Denker, gehen aber nicht zu Herzen und erwärmen nicht“ (803f)
Kohut, „Berühmte isr. Männer und Frauen“, S. 215f
JE VII 209, mit Bildnis
Brann, „Geschichte des Jüdisch-theologischen Seminars“, S. 86ff
Bernhard Ziemlich, „David und M. J.“, Ost und West 1904, Sp. 775-780 (Bildnis Sp. 733)
Heppner und Herzberg, S. 305f
Isaak Heinemann, M. J.s wissenschaftliches Lebenswerk, Breslau 1926, 16 pp
Adolf Eckstein, „Die Entstehung des Joelschen Gebetbuches“, MGWJ 1919
Caesar Seligmann, „Rabbiner Dr. M. J. zu seinem hundertjährigen Geburtstag“, MGWJ 70 (1926), S. 305- 315
Karl Joël, „Erinnerungen an M. J.“, ebd., S. 315-320
Adolf Eckstein, „Joël als Seminarlehrer und seine Wahl zum Rabbiner in Breslau“, ebd., S. 320-324
Max Freudenthal, „M. J. und die Kultusfrage“, ebd., S. 330-347
Beermann, „M. J.s Bedeutung für die jüdische Predigt“, ebd., p. 347-350