Geb. 23. Aug. 1816 in Zaniemyœl (Santomischel), Prov. Posen,
Gest. 31. Jan. 1875 in Königsberg
Sohn des Übersetzers Abraham-Hirsch b. Joel aus Piotrków Trybunalski und der Sara, Tochter des Vorsängers Nachum in Zaniemyœl. Bietet 1837 als Rabbinatskandidat den Kindern in Strzelno (Strelno) unentgeltlichen Religionsunterricht an. 10. Nov. 1838 imm. Berlin
verkehrt als Student in den Salons von Henriette Hertz und Joseph Mendelssohn. 22. April 1842 Abgang von der Universität, 26. Aug. 1843 Prediger und Jugendlehrer in Kwidzyn (Marienwerder), Prov. Westpreußen, 1844 Rb. in Chełmno (Kulm), Prov. Westpreußen
Wahl in Toruñ (Thorn) von den Orthodoxen verhindert
1. Juni 1846 Rb. in Koszalin (Köslin), Pommern, Reformer, führt den Gottesdienst ganz in dt. Sprache. 28. Feb. 1847 Heirat mit Flora Simson (1812-1902) aus Königsberg, aus der Familie des zum Christentum konvertierten Eduard von Simson (1810-1899), Professors der Rechte und nachmaligen Präsidenten von Reichstag und Reichsgericht. 1849 nach England zu einem Forschungsaufenthalt, 1850 für längere Zeit Privatgelehrter in Königsberg, Mitglied der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (ZDMG 1853, S. 139, Nr. 363), Hilfskraft bei der Herausgabe der Schriften Moses Mendelssohns durch von Joseph Mendelssohn, den Sohn des Philosophen. Übersetzer englischer philosophischer und historischer Werke, Herausgeber von Anthologien religiöser und orientalischer Dichtung, die von ihm z.T. selbst übersetzt wurden. Als Mitarbeiter an der Königsberger Hartung’- schen Zeitung kämpft er für die Abschaffung des Judeneides. Nach Saalschütz’ Tod 1863 kurzzeitig Prediger der Reformgemeinde. 1866 Lehrer für englische Sprache an der Höheren Handelsschule. Sein Neffe war der Berliner Jurist Hermann Makower.
Dokumente
SÚA Prag, ČG Vš., oddìlení 1841-1855, svazek 22/11/2, vom 14. Sept. 1850, Bewerbung vom 1. Aug. um eine Stelle als „Direktor oder erster Lehrer“ eines zukünftigen österreichischen Rabbiner- und Lehrerseminars. Siegel mit Umschrift DR. H. JOLOWICZ und Bild eines Händedrucks
CJA Berlin, 75 A La 1 Nr. 22, mit Bewerbung in Gorzów Wielkopolski (Landsberg a. W.), 31. März 1857. In der Anlage Korrespondenz u. a. mit Joseph Mendelssohn.
Manuskripte
CAHJP Jerusalem, RP 42, enthält den Nachlaß. In Teil 1 befinden sich 38 Briefe von Joseph Mendelssohn; Teil 2 Bd. 1 empfangene Korrespondenz 1840-1867, u. a. von Bernhard Beer, Holdheim, Leopold Löw, Gotthold Salomon, Hirsch Hirschfeld, Graetz, Kley, Immanuel Ritter. Teil 2, Bd. 2 enthält Urkunden, so vom Polizeimagistrat in Strzelno 28. Okt. 1837 über seine Lehrtätigkeit „bei allen Widerwärtigkeiten von Seiten der hiesigen isr. Corporation“, Druckblatt Trauungs-Liturgie der jüd. Gemeinde in Cöslin, hschr. „Einrichtungs- und Lehrplan für die Religionsschule der jüdischen Gemeinde zu Coeslin“, Druckbogen mit hebr./dt. Festgedicht Šochne batte h. omär / Bewohner schwanker Lehmgebäude.
Publikationen
„Die Erforschung der Idee des Judenthums, ein nothwendiges Erforderniß für unsere Zeit. Eine Skizze“, LdO 1840, S. 215, 227-230
„Die fortschreitende Entwickelung der Cultur der Juden in Deutschland und die wissenschaftl. Ausbildung des Judenthums von Mendelssohn bis auf unsere Zeit“, LdO 1840, S. 431, 446-462, 474-476, 493-496, 509-512, 525-528, 605f, 638-640, 646-648, 662-664, 691-693, 716-720; Buchausgabe Berlin 1841, viii + 24 S
Rezension von Francolms Das rationale Judenthum, LdO 1840, S. 785-791
Abraham Basch’s Leben, nebst Probe seiner Dichtungen (mit L. Weyl), 1841
Mitarbeiter am Orient (1841, 42 in Berlin, 1843, 44 in Kwidzyn)
Das Buch Kusari übersetzt und ausführlich commentirt, mit David Cassel, hebr./dt., Kap. 1-2, Leipzig 1841-42, 192 S. (siehe Rezension IA 1841, S. 176, 183f); vollständige Ausgabe von David Cassel allein Leipzig 1853, 482 S.; 2. Aufl. Leipzig 1869
Der segensvolle Beruf israelitischer Geistlicher und die Pflichten der Gemeinden gegen sie, Antrittspredigt, Kwidzyn 1843, 16 S. (gewidmet „seinem verdienstvollen und hochgeachteten Lehrer“ Sam. Holdheim) [Expl. JNUL OG 2372]
Das tröstende Bewußtsein, die Leitung Gottes angenommen zu haben. Predigt zur Dankfeier für die glückliche Errettung Sr. Majestät des Königs Friedrich Wilhelm IV. und Ihrer Majestät der Königin Elisabeth Louise von einem am 26. Juli auf sie versuchten Meuchelmorde, Kwidzyn 1844
Rationalismus und Supernaturalismus, ihr Verhältniss und ihre Beziehung zur Auslegung der Bibel, Königsberg 1844
Confirmanden-Büchlein für Israeliten beiderlei Geschlechts, eine Mitgabe für’s Leben, Hamburg 1844, 16 S
Ausführliches Sach- und Namenregister zu de Rossi’s historischem Wörterbuch, hrsg. Adolf Jellinek, Leipzig 1846
Harfenklänge der heiligen Vorzeit, ein Schul- und Haus-Lesebuch über alle Theile der Schrift Alten Testaments. Aus den besten Bearbeitungen der deutschen Classiker gesammelt, Leipzig 1846, 229 S
Israel’s Beruf, Predigt, Koszalin 1846
Das Gesetz über die Verhältnisse der Juden im preuss. Staate, Koszalin 1847; 2. Aufl. 1847, 3. Aufl. 1855
Moses Mendelsohn’s allgemeine Einleitung in die fünf Bücher Mosis, dt. Übs., Koszalin 1847
Geist und Wesen der israelitischen Religion. Predigt und Einsegnungsrede, Koszalin 1847, 16 S
Hazkarath Nešamoth. Todtenfeier. Für den Tempel des isr. Brüder-Vereins, Posen 1849
Die Weltgeschichte in Darstellungen deutscher Dichter, 1851- Polyglotte der orientalischen Poesie, 1853, 2. Aufl. u. d. T. Der poetische Orient, enthaltend die vorzüglichsten Dichtungen der Afghanen, Araber, Armenier, Chinesen, Hebräer ... in metrischen Übersetzungen deutscher Dichter, mit Einleitung und Anmerkungen, 2. Aufl. Leipzig 1856, xxiv + 637 S
Die Himmelfahrt und Vision des Propheten Jesaja, aus dem Aethiopischen übersetzt und erläutert, 1854
Die Germanische Welt, seit ihrer Berührung mit dem Christenthume, bis zum Jahre 1831, Leipzig 1854, 66 S
Einige Zeugnisse und briefliche Anerkennungen des Dr. H. Jolowicz / Some Testimonies and Letters of Commendation of Dr. H. Jolowicz, London 1854, 4 S., mit Schriftenverzeichnis
On the Correction of the Text of the Hebrew Scriptures from the Talmud, the Targumim, and Other Rabbinical Authorities, Vortrag am Anglo-Biblical Institute, London 1855, 15 S
Ueber das Leben und die Schriften Musa ben Maimun’s, Vortrag, Königsberg 1857, 25 S
Devar H. ayyim. Se’elah utešuvah bedin get. ketav uketuv ha-‘AKUM. Rabbinisches Rechtsgutachten in einer wichtigen Ehescheidungsangelegenheit, Königsberg 1857, 8 S. (hebr.) - Bibliotheca Aegyptiaca. Repertorium über die bis zum Jahre 1857 in Bezug auf Aegypten, seine Geographie, Landeskunde, Naturgeschichte ... erschienenen Schriften, Leipzig 2 Bde. 1858-61, 244 + 75 S
Blüthenkranz morgenländischer Dichtung, Breslau 1860, xxi + 400 S
„Leben und Schriften Samuel Rogers’ [1763-1855], ein Beitrag zur Geschichte der englischen Literatur“, Archiv für neuere Sprachen 29 (1861), S. 361-432 [Separatabdruck JNUL 60-C-7874]
Še’arith RaŠI. Ein Bruchstück aus dem Bibel-Commentar des Rabbi Salomo ben Isaak gen. Raschi über Daniel und Esra, aufgefunden in der Kgl. Bibl. zu Königsberg i. Pr. Als ein Weihegeschenk zum siebenzigsten Geburtstage des Herrn Leopold Zunz in Berlin, 1864, 10 S
Gebete und Gesänge für das Neujahrs- und Versöhnungsfest (Roschhaschanah und Jomkippur) zum Gebrauch für den geregelten jüd. Gottesdienst, Königsberg 1865, 64 S
Geschichte der Juden in Königsberg i.Pr., ein Beitrag zur Sittengeschichte des preußischen Staates. Nach urkundlichen Quellen bearbeitet, Posen 1867, 210 S., enthält S. 180 ein Verzeichnis seiner Schriften.
Literatur
AZJ 1837, S. 296, aus Strzelno
TZW 1845, S. 89, aus Toruñ
TZW 1845, S. 96: „Jolowicz, der nächstens Rabbinisch lesen können wird, - so es nämlich punctirt ist“
AZJ 1846, S. 334, 382, 597; Orient 1846, S. 196: „Die Gemeinde zu Köslin nimmt, dankbar gegen die Rabbiner- Versammlung, Hrn. J. zu ihrem ersten Rabbiner, weil er so thätig mitgewirkt“
AZJ 1849, S. 428, Abschied aus Chełmno
AZJ 1850, S. 686, Abschied aus Kwidzyn
AZJ 1852, S. 18, üble Folgen seines Abgangs aus Koszalin
Steinschneider, Bodleiana, Bd. II, Sp. 1406
Fürst, Bibl. Jud., III 100f
AZJ 1867, S. 10, Petition bei der Justizkommission des Abgeordnetenhauses um Abschaffung des Judeneides; die vorgeschlagene Formel ist: „Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden ... So wahr mir Gott helfe.“- Kayserling, „Jüdische Literatur“, S. 820, 850
JE VII 225
Königsberger Jüdisches Gemeindeblatt (Nr. 1), 1. Januar 1925
JL III 308
Wininger III 328
EJ dt. IX 256f
Albert J. Phiebig, The Jolowicz Family: A List Compiled for Dr. Ernst Jolowicz, New York 1948, S. iif, 2f