LÖWENGARD, Maier Hirsch, auch Max H. L.; 16. April 1850 Namensänderung in Meier SALEM, geb. 5. März 1813 in Rexingen, Württ.
Gest. 10. Mai 1886 in Basel
Sohn des Handelsmanns Raphael Hirsch L. und der Juditha (Jetta) Levi, Schüler der Jeschiwa von Gabriel Adler in Mühringen b. Horb, mit 13 J. zum Lehrhaus in Hechingen, Hohenzollern, 1830-32 am Gymnasium in Stuttgart, 27. Okt. 1832 imm. Gießen, studiert aber je ein Jahr 1832/33 in Heidelberg, 1833/34 in Tübingen und 1834/35 in München, wo er gemeinsam mit Berth. Auerbach bei Schelling hört. Nov. 1835 erste Dienstprüfung mit Note IIb und 1836 Einsetzung zum Rabbinatsverweser in Berlichingen, 9. Sept. 1839 Rabbinatsverweser in Jebenhausen b. Göppingen. Zunächst reformaufgeschlossener Anhänger der schellingschen Philosophie, seit 1841 zunehmende Kritik an der Reform. Wird definitiv angestellt, doch wünscht zu wechseln: „Schon lang drückt mich die Hoffnungslosigkeit, außer den gesetzlich vorgeschriebenen Amtsdiensten hier etwas ausrichten zu können“ (Personalakte, 18. Juni 1844). Nach der Zweiten Dienstprüfung zum 12. Okt. 1844 Bezirksrb. in Lehrensteinsfeld. Teilnehmer der 3. Rb.-Versammlung von 1846
am 13. Nov. 1848 empfiehlt Schelling ihn dem König von Bayern für einen Universitätslehrstuhl der Jüd. Theologie. Zeitlebens unverheiratet, konvertiert L. schließlich zur strengen Orthodoxie, ändert seinen Namen und unterhielt in Lehrensteinsfeld einen Talmudverein („Schaß-Chewre“). 1857 legte er sein Rabbineramt nieder: „Dem Vernehmen nach wird derselbe nach Jerusalem übersiedeln, um dort ein fromm-beschauliches Leben zu führen“ (AZJ 1857, S. 569). Um 1859/61 Privatgelehrter in Stuttgart, wo er sich der Literatur und der Verbreitung jüdischer Wissenschaft mittels Privatunterrichts widmete
dann kurzzeitig in Mainz Mitarbeiter an der orth. Wochenschrift Der Israelit. 11. April 1864 (lt. Heimatschein) Niederlassung in Basel als „Sprachlehrer und Partikular“. Sein Neffe Lazard Bloch (1823-1897), Sohn einer in Bischheim b. Straßburg lebenden Schwester, war Rb. in Haguenau (Hagenau), Unterelsaß.
Dokumente
StA Ludwigsburg E 212 Nr. 132 vom 17. Aug. 1835, Prüfungsgesuch mit Originalzeugnissen (darunter eines von Schelling)
Ebd., E 212/136, Prüfungsakten
StA Ludwigsburg E 212 Nr. 125, Personalakte aus Lehrensteinsfeld
HStA Stuttgart, Best. E 201c, Büschel 45 vom 4. Juli 1853: „Es ist der isr. Ober-Kirchenbehörde bekannt, daß der Rabbine Salem in großer Dürftigkeit lebt und nicht selten das Nothwendigste entbehren muß, in Folge dessen auch seine Gesundheit gelitten zu haben scheint“
Ebd., Büschel 40 Lehrensteinsfeld, vom 31. Aug. 1857: Die Oberkirchenbehörde urteilt, daß sein „körperliches und geistiges Befinden ihm die Erfüllung seiner Berufspflichten beschwerlich macht“ und gibt seiner Bitte um Entlassung statt. „Salem gehörte zu keiner Zeit zu den ausgezeichneten Rabbinen und seine praktische Befähigung, so wie seine Leistungen waren stets nur mittelmäßig“
StA Basel, Protokolle Niederlassungskommission E 11.14 (1867-1868), S. 697 vom 30. Sept. 1868 („Sprachlehrer & Particular“)
Ebd., Aufenthalter-Register 1856-1870, Nr. 8009 und NC 566 („Partikular“)
Ebd., Niederlassungskontrolle Ausländer 1865-77, Nr. 566, dann NC 7338 („Partikular“)
Ebd., IGB-REG D 3.5., Steuerakten Isr. Gemeinde, veranlagt „Dr. Salem“ in der VII., d. h. zweitniedrigsten Steuerklasse
Ebd. Zivilstand N 1, Todtenregister, vom 10. Mai 1886 („gew. Rabbiner“, gest. an „Pneumonia cattarh. chronica“)
Ebd., Inventar: in Gerichtsarchiv PP1 1886, Nr. 293, mit Güterinventar und Abschriften der Familienurkunden, in der Erbbevollmächtigung seiner Schwester Jeannette Ries heißt L. „vormals Rabbiner dann gewerblos zu Basel in der Schweiz wohnhaft gewesen“. Seine „Bibliothek hebräischer, deutscher u. französischer Bücher“ hatte er in vier Kisten bei Spediteur Dorner eingelagert. Alle Angaben lt. Mitteilung von Susanne Bennewitz, Basel.
Publikationen
Beiträge zur Kritik der Reformbestrebungen in der Synagoge, unter dem Pseudonym „Juda Leon“, gegen seinen Vorgesetzten Joseph Maier, 1841
Auch einige Worte über das neue Gebetbuch im Hamburger Tempel, Tübingen 1842
Jehova, nicht Moloch war der Gott der Hebräer, 1843; Widerlegung von Fried. Wilh. Ghillanys Die Menschenopfer der alten Hebräer, eine geschichtliche Untersuchung (Nürnbg. 1842)
Mitarbeiter der Zschr. Der Orient (1843-44).
Epigraphik
Jüd. Friedhof Hegenheim (Oberelsass), Grab F 12. Die Inschrift betont seine Gelehrsamkeit und Bescheidenheit: qara’ harbäh, šanah harbäh wegamal h. äsäd harbäh, ’af gam zo’th nafšo namchah, weruh. o lo’ gavhah: „Er las viel und lehrte viel und übte viel Barmherzigkeit. Trotzdem blieb seine Seele bescheiden, und sein Geist wurde nicht hochmütig“ (Mitteilung von Dr. Frowald Gil Hüttenmeister).
Literatur
IA 1841, S. 351, 391, klassifiziert L.s Theologie als „Gemengsel von biblischem Judenthum, Rabbinismus, halb verdaueten Sätzen aus Hegel’s Encyclopädie und Neoschellingianismus, versetzt mit gallsüchtiger Misanthropie und leidenschaftlichem Nonsens“; gegen das Buch sei bereits eine Satire erschienen
Fried. Wilh. Ghillany, Das Judenthum und die Kritik: oder es bleibt bei den Menschenopfern der Hebräer und bei der Nothwendigkeit einer zeitgemäßen Reform des Judenthums, Nürnberg 1844 (Gegenschriften von den Rb. Hirsch Hirschfeld und Abraham Adler).AZJ 1845, S. 470, Rede auf der Rb.-Vers. für „unbedingte Gewissensfreiheit“
AZJ 1851, S. 490: „er nennt sich jetzt ’Salem’, das ist der friedliche Salem, der einst löwenmuthig als Löwengard gekämpft hat in der jüdischen Literatur und nun behaglich im dolce far niente Hymnen auf seine Schlafmütze macht“
Steinschneider, Bodleiana, Bd. II, Sp. 1629
AZJ 1857, S. 569; L. „trug jahrelang den inneren Zwiespalt der Skepsis mit dem Glauben kämpfend in sich herum, so daß er sich selbst zum Gegenstand seiner beißenden Satyre machte und auch seine Schriften trugen den Stempel dieser innern Unausgegohrenheit. Nun ist er zum Selbstabschlusse mit sich gekommen und hat sich dem Glauben ganz in die Arme geworfen“
AZJ 1858, S. 459f
Israelit 1861, S. 351, Dr. Salem, „jetzt Privatgelehrter in Stuttgart“, hält Leichenrede für Rb. J. M. Schnaittach in Freudental
Adressbücher für Basel, 1870 bis 1886: „Salem, Meier, Part.“
Kantonsblatt Basel Stadt, I, Nr. 38, vom 12. Mai 1886, mit Todesmeldung von „Maier, Salem, Rabbiner, ledig, 73 1/6 Jahre“
Tänzer, Jebenhausen, S. 161
Kayserling, Sterbetage, 1891, 22
JE VIII 194, hier falsches Todesdatum 25. Mai 1876, übernommen in EJ dt. X 1146 und Wininger IV 166
Tänzer, Württemberg, S. 74, danach sei er in Basel „Dajan und Schiur-Rabbi“ gewesen, was die Gemeindeakten nicht bestätigen
Franke, Heilbronn, S. 63, 68, 75
Lowenstein, „The 1840s“, 278
Berlinger, Berlichingen, S. 110
W. E. Ehrhardt, Schelling, Leonbergensis und Maximilian II. von Bayern. Lehrstunden der Philosophie, Stuttgart 1989, S. 80
Werner J. Cahnmann, „Friedrich Wilhelm Schelling and the New Thinking of Judaism“, Kabbala und Romantik, Tübingen 1994, S. 167-205, über L. dort S. 175-188
Daeschler-Seiler, Joseph Maier, S. 313-315
Jean-François Courtine, „Schelling et le judaïsme“, in Gérard Bensussan (Hrsg.), La Philosophie allemande dans la pensée juive, Paris 1997, S. 112