Geb. 13. März 1825 in Racibórz (Ratibor), Oberschlesien,
Gest. 9. Juli 1890 in Johannisbad
Sohn des Kaufmanns Philipp R., seine Mutter stammte aus dem Krakauer Zweig der Mendelssohn-Familie. Wird aus Gesundheitsgründen vom Gymnasialbesuch dispensiert und legt das Abitur 1842 als Externer ab. Lernt ein Jahr lang Talmud bei Rb. S. Löwe in Racibórz. 30. Apr. 1844 imm. Breslau und Studien am Fraenckel’schen Bet-Midrasch bei Abraham Geiger, jedoch keine rb. Ordination
2. März 1847 Abgang von der Universität zur Übernahme einer Hauslehrerstelle, 19. Mai 1848 Neuimmatrikulation in Breslau, Hilfslehrer an der jüd. Schule
promoviert am 15. Mai 1849 als erster Jude an der dortigen Phil. Fak. und legt das Staatsexamen für das Lehramt ab. 1851 vertretender Prediger bei der Berliner Reformgemeinde, 1860 Prediger das. als Nachfolger Samuel Holdheims. Seit 1876 auch Religionslehrer am Werderschen Gymnasium und an der dritten Berliner Töchterschule.
Dissertation
De Stoicorum doctrina, praesertim de eorum logica, Diss. Breslau 1849, 44 S.
Dokumente
AU Wrocław, F 125, Bl. 108-116, Promotionsakten (ohne Vita); im Antrag vom 23. Jan. 1849 (Bl. 109) charakterisiert Ritter seine Studien, „per quadriennium fere in hac alma Viadrina litteris Latinis, Graecis, Germanis, Francogallis operam dedi“; dabei Korrespondenz mit dem Ministerium über die Ersetzung der christlichen Breslauer durch die religionsneutrale Berliner Eidesformel
Ebd., F 434, S. 84, 92, Matrikeleinträge
Ebd., F 456, Studentenregister, danach geb. am 13. April 1825.
Publikationen
Kanzelvorträge aus dem Gotteshaus der jüdischen Reformgemeinde, Berlin 1856, 2. Aufl. 1865
Beleuchtung der Wagenerschen Schrift „Das Judenthum und der Staat“, 1857
Geschichte der jüdischen Reformation, I: Mendelssohn und Lessing als Begründer der Reformation im Judenthum, Berlin 1858
„Die letzten zwölf Jahre in ihrer Bedeutung zur Geschichte der Juden in Preußen“, Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums 1 (1860)
„Die jüdische Freischule in Berlin. Eine pädagogisch-geschichtliche Skizze“, in Programm zur öffentlichen Prüfung der Zöglinge der Religionsschule der Reformgemeinde, Berlin 1861
Geschichte der jüdischen Reformation, II: David Friedländer und sein Wirken im Zusammenhange mit den gleichzeitigen Kulturverhältnissen und Reformbestrebungen im Judenthum, Berlin 1861
Geschichte der jüdischen Reformation, III: Samuel Holdheim. Sein Leben und seine Werke, Berlin 1865
Petition vom 20. Dezember 1871 an das Hohe Haus der Abgeordneten, 1872. R. beantragt im Namen des „Vereins für die Freiheit der Schule“ die Zulassung privater Volksschulen ohne jeden konfessionellen Religionsunterricht
Rede bei der Beerdigung des Geheimen Sanitätsraths Dr. Heiman Bressler, 1873
Weihereden und Predigten, 1875
Wir Juden, 1881
Ein Wort an Juden und Christen, Predigt, 1883
Zum Verständnis des Judenthums. Zwei Vorträge über seinen Charakter und seine Priesterlehre, Berlin 1885
Die Bedeutung des Judenthums. Rede, gehalten am Versöhnungstage, 1885
Geschichte der jüdischen Reformation, IV: Die jüdische Reformgemeinde zu Berlin, aus dem Nachlaß hrsg. von S. Samuel, Berlin 1902
Übersetzer der mehrbändigen englischen Kulturgeschichten von Thomas Buckle und William E. H. Lecky.
Literatur
Lippe 1879/81, S. 394
AZJ 1890
Kayserling, „Jüdische Literatur“, S. 803
ADB LIII 404f
Ritter, Reformation, Bd. IV, 1902, enthält S. 1-36 eine biographische Skizze von S. Samuel. Dort über seine Predigten: „Den Anspruch auf eigentliche Talmudgelehrsamkeit hat er nie erhoben [...] Seine Themen sind meist allgemein religiös, etwa wenn er über ’Demut’ oder ’das Gewissen’ spricht“ (S. 3, 5). Samuel bemerkt, daß „es ihm erspart blieb, religiöse Kämpfe durchzumachen“ (S. 5). „Er war edler Rationalist im Sinne Lessings, Goethes, Herders; aber er besaß zugleich die ganze Gefühlstiefe des Deutschen und des Juden“ (S. 30)