BHR Biographisches Portal der Rabbiner

RÜLF, Isaak, Dr.

  • Geb. 10. Feb. 1831 in Rauischholzhausen bei Marburg,
  • Gest. 18. Sept. 1902 in Bonn
  • Sohn des unbemittelten Viehzüchters Juda R., mit 14 J. zum Studium bei Rabbiner M. Wetzlar in Gudensberg, 1849 Lehrerprüfung, sodann Hilfsmentor an Rb. Wetzlars Schule, lateinische Privatstudien beim Ortspfarrer
  • Ostern 1854 imm. Marburg, Dez. 1857 Rabbinatsdiplom
  • leitet schon während seines Studiums eine Privatschule, um seinen Unterhalt zu verdienen. Okt. 1859 Lehrer u. Prediger „in einer kleinen Stadt des Grossherzogthums Hessen“
  • Heirat mit Viola Bechhof (1842-1926). April 1863 Religionslehrer in Schwerin, Mecklenburg
  • erhält dort die vollständige rb. Ordination. 20. Jan. 1865 prom. Rostock
  • Nov. 1865 Prediger, dann Rb. in Klaipeda (Memel), Ostpreußen. Entfaltet neben seinem Rt. eine umfangreiche soziale Tätigkeit, so sitzt er während des ostpreußischen Notstands 1867 im dreiköpfigen Unterstützungskomité, leitet seit derselben Zeit das „Comitee für die Nothstände russischer Israeliten“ und den Darlehensverein „Gemiluth Chassodim“, gründet 1869 die einzige jüd. Elementarschule Ostpreußens, ist seit 1871 Schriftführer des „Armenunterstützungs-Vereins“ der Stadt, etc. Zur Aufbesserung seines unzureichenden Gehalts ist er seit April 1872 Redakteur der polit. Tageszeitung Das Memeler Dampfboot. „Ich suchte das Blatt, anfangs ein Organ der Fortschrittspartei, nach und nach auf einen milderen persönlichen Ton zu stimmen, als ein Blatt, das mit aller Welt Frieden zu halten trachtet“. April 1898 pensioniert, geht in den Ruhestand nach Bonn. Anhänger der positivhistorischen Schule, später Zionist.

Dissertation

  • Vor- und Grundbegriffe zu einer neuen Metaphysik (Nebentitel Qua fundamenta metaphysices prorsus novae ponere?, Wie ist die Metaphysik auf neuen Grundlagen aufzubauen?), Diss. Rostock 1865.

Dokumente

  • UA Rostock, Phil. Fak., Dekanatsjahr 1864/65, Missive 23, Promotionsakten, darin u. a. Lebenslauf vom 28. Dez. 1864.

Manuskripte

  • Kurze Autobiographie „Mein Lebensgang“ (1897) im LBI New York; Kopie im CAHJP Jerusalem Inv. 2160.

Publikationen

  • „Ein Wort über die israel. Lehre der Neuzeit“, TZW 1852, S. 70f, 75f
  • „Sonst und jetzt, ebd., S. 84-86
  • Zur Verteidigung der Juden mit bes. Rücksicht auf ihre Stellung in Hessen, 1858
  • Die drei Grundsäulen der Welt. Friedenspredigt, 1866
  • Schleiermacher als Religions-Virtuos. Vortrag zu Schleiermacher’s hundertjährigen Geburtstage, Klaipeda 1868
  • Meine Reise nach Kowno um die Übersiedelung nothleidender Glaubensgenossen aus den Grenzbezirken nach dem Innern Rußlands zu ordnen, sowie die in der dortigen Synagoge gehaltene Predigt, Klaipeda 1869, 47 S
  • Der Einheitsgedanke als Fundamentalbegriff aller Religion und Wissenschaft, als Verständigungsbasis unter den Gebildeten aller Confessionen und Nationen gemeinfasslich dargestellt, Klaipeda 1880, 88 S., Entwurf zu seinem später in fünf Bänden ausgearbeiteten System
  • Drei Tage in Jüdisch-Rußland. Ein Cultur- und Sittenbild, Fft./M. 1882, 131 S.Aruchas bas-ammi. Israels Heilung. Ein ernstes Wort an Glaubens- und Nichtglaubensgenossen, nach eigener Aussage „wohl eine der ersten zion. Schriften in deut. Sprache auf deut. Gebiet“ („Lebensgang“, S. 3), Fft./M. 1883, 93 S
  • Wissenschaft des Weltgedankens und der Gedankenwelt. System einer neuen Metaphysik, Bd. I Wissenschaft des Weltgedankens, Bd. II Wissenschaft der Gedankenwelt, Leipzig 1888
  • Entstehung und Bedeutung des Antisemitismus in Hessen, Mainz 1890, 30 S
  • Die russischen Juden. Ihre Leidensgeschichte und unsere Rettungsversuche, Klaipeda 1892
  • Das Erbrecht als Erbübel im Hinblick auf die zukünftige Gestaltung der menschlichen Gesellschaft, Leipzig 1893, 216 S
  • Metaphysik Bd. III Wissenschaft der Krafteinheit, Leipzig 1895
  • Was wir sollen und wollen. Vortrag, gehalten in der ersten regelmäßigen Sitzung des neu begründeten „Vereins für jüdische Geschichte und Literatur“ zu Memel, 1897
  • System einer neuen Metaphysik, Abth. 2 Wissenschaft des Einheits-Gedankens, Buch 2: Wissenschaft der Geisteseinheit (Pneumato-Monismus), Leipzig 1898; Buch 3: Wissenschaft der Gotteseinheit (Theo-Monismus), Leipzig 1903
  • „Zur Geschichte der Juden in Memel“, Erster Bericht der Isr. Religionsschule zu Memel, Klaipeda 1900, S. 3-26.

Epigraphik

  • Sein Grabstein und der seiner Frau auf dem Friedhof Bonn Römerstr., Nr. 661/2.

Bildmaterialien

  • Bildnisphotographie; Gidal, Juden, S. 303.

Literatur

  • AZJ 1877, S. 676 über Rivalitäten mit den Hilfsorganisationen der Alliance Israélite
  • Lippe 1879/81, S. 415
  • Kayserling, „Jüdische Literatur“, S. 841
  • AZJ 26. Sept., 1. u. 22. Okt. 1902
  • Emanuel Carlebach, Zum Andenken an den heimgegangenen Dr. I. R. Zwei Reden, Berlin 1902, 14 S
  • JE X 512, Geburtsdatum hier 1834, Todesdatum 19. Sept. 1902
  • Owsei Aronowicz, Rülfs monistische Philosophie, 1908
  • Leon Scheinhaus, „Ein Edler in Israel“, JJGL 15 (1912), S. 198- 211; zitiert S. 210 aus einer Rezension: „Es gibt nicht viele universelle Köpfe; Rülf gehört zu ihnen“, und S. 211 aus dem Nekrolog des Nachfolgers Em. Carlebach: „Wohl selten oder noch nie war ein Rabbiner so bekannt und beliebt, ja so populär in der Stadt seines Wirkens, wie es Dr. Rülf in Memel bei allen Bürgern ohne Unterschied des Glaubens gewesen“, wegen seines Engagements in Wohltätigkeitsorganisationen habe er den Spitznamen „Dr. Hülf“ gehabt
  • JL IV1 1527f, mit Bildnis
  • Wininger V 293f
  • EJ eng. XIV 383f
  • Arnsberg, Hessen, Bd. II, S. 206f
  • Julius H. Schoeps, „Briefe Leon Pinskers an Isaak Rülf: Zur Vorgeschichte der jüd. Nationalitätsbewegung“, Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 34 (1982), S. 220-241
  • Thomas Rahe, „Die politische und soziale Theorie bei Isaak Rülf, Das Erbrecht als Erbübel“, LBIB 79 (1988), S. 75-87
  • DBE VIII 452f
  • Harald Lordick „Entwicklungen und Strukturen. Jüdische Wohlfahrtspflege in Ost- und Westpreußen im 19. Jahrhundert“, in Brocke u. a. (Hrsg.), Ost- und Westpreußen, S. 284-286
  • Wilke, Den Talmud und den Kant, S. 429.