BHR Biographisches Portal der Rabbiner

SACHS, Michael, Dr.

  • Geb. 3. Sept. 1808 in Glogau,
  • Gest. 31. Jan. 1864 in Berlin
  • Sohn des Kaufmanns Naftali-Juda S.
  • im Kindesalter Talmudstudium bei Rb. Öttinger in Glogau, mit 13 J. zum Gymnasium. 2. Mai 1827 imm. Berlin, philologisches Stud. bei Boeckh, Schleiermacher und Hegel, 30. Mai 1835 Oberlehrerexamen, 25. Sept. 1835 prom. Jena. Leiter der Berliner jüd. Mädchenschule, Bewerber in Kassel, Feb. 1836 Prediger der Prager Tempelgemeinde als Nachf. von Zunz mit 800 fl. Gehalt
  • 5. Feb. 1837 Heirat mit Henriette Lehfeldt (1816-1878), Tochter des Gutsbesitzers Elkan Levi aus Glogau. Privatstudien bei dem Prager Talmudisten Saul Jonathan Löwy (1809-1849), nochmals Bewerber um das Landesrt. in Kassel (1844)
  • 19. Okt. 1844 „Prediger und Rabbinatsassessor“ in Berlin. Mitarbeiter an Frankels ZRIJ und Anhänger von dessen konservativer „Theologen-Versammlung“ (1846), Mitglied der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (ZDMG 1848, S. 509, Nr. 205, ausgetreten Ende 1848). Er unterschrieb 1850 einen Vertrag mit der orthodoxen Austrittsgemeinde in Frankfurt/M., trat die Stelle aber wegen „häuslichen Unannehmlichkeiten“ (Opposition seiner Frau) nicht an.

Dissertation

  • Observationes in Homeri locos quosdam, Diss. Jena 1835.

Dokumente

  • UA Jena M 278, Bl. 69-72, mit den Promotionsakten; ebd. M 279 handschriftl. Dissertation und lateinische Vita
  • ÖStA/AVAWien, Alter Kultus, Isr. Kultus, Karton 4, von 1838-39, enthält zwei Akten über seine Anstellung in Prag, insbes. Dispens von der Indigenatsforderung, Unabhängigkeit von den Oberjuristen, Trauungsbefugnis. Eine Minderheit der Studienhofkommission bemängelt seine zu speziell philologisch-historische Ausbildung. „Er scheint ein Doctor Philosophiä zu sein, ohne je die eigentlichen Gegenstände der Philosophie gehört zu haben“ (22. Dez. 1838)
  • CAHJP Jerusalem, „Berlin“, KGe 2, Nr. 146, vom 29. August 1842, Wahlakten mit dem Bemerken Veiths, „daß er den Dr. Sachs in jeder Hinsicht für einen der besten Prediger halte, welcher Kenntnisse und Gelehrsamkeit in hohem Grade besitzt, dem aber mehrere Eigenschaften, welche der Berliner Oberrabbiner haben soll, noch abgehen“
  • GStA Berlin, Rep. 76-III, Sekt. 12, Abt. XVI Berlin Nr. 2, Bd. IV, fol. 321 Gutheißen seiner Wahl durch die Reg., 22. Juni 1844.

Manuskripte

  • Nachlaß im CAHJP Jerusalem P 41 Schulangelegenheiten 1835-1863, P 41/1-4 Korrespondenz 1834-1863, P 41/5 Urkunden, Diplome und Glückwunschschreiben, 1827-1860; P 41/6-7 verschiedene Papiere
  • CAHJP P-47 Briefe im Nachlaß Moritz Veit, 1837-1867
  • Ebd. „Berlin“, KGe 2/30 enthält amtliche Korrespondenz der Jahre 1845-1863, zu Anfang das Predigtmanuskript Rede, gehalten in der Synagoge zu Berlin bei der Gedächtnißfeier für die am 18. März 1848 Gefallenen
  • JNUL Jerusalem, cod. 8° 904-905 wissenschaftliche Aufzeichnungen.

Publikationen

  • Rezensionen klassisch-philologischer Arbeiten in JwK 1834, S. 420, 633; 1835, S. 366- 368, 417-424, 535f
  • „Zur Charakteristik des Buches Job“, Theologische Studien und Kritiken, 7 (1834), S. 910-924
  • Die Psalmen übersetzt und erläutert, Berlin 1835 (Fr. Rückert gewidmet)
  • Mitarbeiter an der „Zunz’schen Volksbibel“, Die vier und zwanzig Bücher der Heiligen Schrift, 1838 bis 1935 siebzehnmal aufgelegt
  • „Uebersetzungsprobe aus dem Diwân Jehuda Haléwy’s“ und „Chajim Galipapa. Eine literärgeschichtliche Notiz“, LdO 1840, S. 332f, 344-347, 648f; S. erscheint im Mitgliederverzeichnis des Orient 1841, 42, 43, 44
  • „Be’ur h. adaš umuœkal ‘al päräq 58 bIša‘yah“ und „Peruš h. adaš beMišnah sof Sot. ah: Mi-šä-meth RIBaZ but. t. al ziw ha-h. åchmah“, Käräm H. ämäd 7 (1843), S. 124-137, 268-276
  • „Gutachten über den Reformverein“, ZRIJ 1844, S. 49-60
  • Die religiöse Poesie der Juden in Spanien, Berlin 1845; 2. Aufl. mit biogr. Einleitung hrsg. v. Simon Bernfeld, Berlin 1901; Nachdruck New York 1980
  • „Über die Zeit der Entstehung des Synhedrions“, ZRIJ 2 (1845), S. 301-312
  • Berliner Vorträge zur jüd. Literaturgeschichte, zusammengefaßt in AZJ 1846, S. 42-43, 74-75, 223-227, 267-271
  • „Die Principien des Talmuds in Bezug auf Reformen im Judenthume“, ZRIJ 3 (1846), S. 133-138, 161-176, 204-213
  • Segens- Spruch des Rabbiner Dr. Michael Sachs über die Opfer des 18. und 19. März. An ihren Särgen gesprochen, Flugblatt, [Berlin 1848]
  • „Gutachten zum Gesuch der freien christlichen Gemeinde Stettin“, in W. Meisel, Die jüdische Synagoge und die freie christliche Gemeinde, Nordhausen 1850, S. 21-24
  • Panim Me’iroth. Deruš lichevod qabbalath ha-Rav ’[Av] B[eth] D[in] poh Q. Q. F[ranq]f[urt. ] deM[ayin] ulichevod uletif’äräth ha-parnasim umanhigim deqahal ‘[Adath] Y[iœra’el] poh, hebräischer Antrittsvortrag als Rabbiner der orthodoxen Gemeinde in Frankfurt am 5. Nov. 1850, Frankfurt/M. [1850], 16 S
  • Beiträge zur Sprach- und Alterthumsforschung. Aus jüdischen Quellen, 2 Hefte Berlin 1852-54
  • Stimmen vom Jordan und Euphrat. Ein Buch für’s Haus. Mit Beiträgen von Moritz Veit, Bd. I Berlin 1853; 21868; 31891; Bd. II aus dem Nachlaß hrsg. v. Moritz Lazarus, Berlin 1868, 21891
  • Machsor: Die Festgebete der Israeliten mit vollständigem, sorgfältig durchgesehenem Texte. Neu übersetzt und erläutert (hebr.-dt.). Deutscher Ritus, Bd. IIV Rosch-ha-Schanah und Jom Kippur; Bd. V-IX Sukkoth, Peßach und Schabuoth, 9 Bde. Berlin 1855-56; 4. Aufl. New York 1860; 10. Aufl. Breslau 1887; 111887; 121889; 131891; Polnischer Ritus, Bd. I-IV Rosch-ha-Schanah und Jom Kippur; 16-18. Aufl. 1885-87; 201892; 211893; Bd. V-IX Sukkoth, Peßach und Schabuoth, 13.-14. Aufl. 1886-87; 161892; 171893
  • „Mešiv ka-halachah“, in Mägäd Yerah. im 1 (1855), S. 38ff
  • Hrsg., mit J. J. Unger, Qoves. Ma‘aœeh Yede Ge’onim, mit Vorwort von Rb. Salman Stern, Berlin 1857, 190 S
  • Siddur: Das Gebetbuch der Israeliten mit vollständigem, sorgfältig durchgesehenem Texte. Neu übersetzt und erläutert (hebr.-dt.), Berlin 1858; New York 1860; Berlin 41864; 15-171886-88; 181890; 19-211891-1893; Prag 1898
  • „Über Vorsänger und Chor“, Jeschurun, hrsg. J. Kobak, 4 (1860), S. 607ff
  • Be’er Michal, Bemerkungen zu einzelnen piyyut. im, hrsg. v. Abraham-Ebele Ehrlich, Berlin 1864; 1866; 1867, 26 S
  • „Gutachten über die Orgel, 13. Nov. 1861“, in: Abraham Berliner (Hrsg.), Zur Lehr’ und zur Wehr. Über und gegen die Orgel im jüdischen Gottesdienste, Berlin [1904], S. 12-22
  • „Gutachten zu dem Entwurf eines Gesetzes für das jüdische Kultus- und Unterrichtswesen (1847)“, hrsg. von I. Freund in I. Elbogen (Hrsg.), Festschrift zum siebzigsten Geburtstag von Simon Dubnow, Berlin 1930, S. 251-258
  • Drei Approbationen, datiert Prag 1841-1847; Löwenstein, Index, S. 170. Werkausgaben. Predigten, hrsg. David Rosin, enthält Bd. I Festpredigten. Sabbatpredigten zu den Wochenabschnitten des ersten und zweiten Buches Moses, 1867; Bd. II Sabbatpredigten zum dritten, vierten und fünften Buche Moses, 1869
  • Korrespondenz u. d. T. Michael Sachs und Moritz Veit. Briefwechsel, hrsg. v. Ludwig Geiger, Frankfurt/M 1897.

Epigraphik

  • Grab 221A auf dem Friedhof Schönhauser Allee; Inschrift bei Brocke u. a., Stein und Name, S. 135-137; siehe auch Köhler und Kratz-Whan, Schönhauser Allee, S. 161f; Zeugnisse jüdischer Kultur, S. 129; Brocke (Hrsg.), Schönhauser Allee, S. 46.

Bildmaterialien

  • JNUL Jerusalem, Schwadron Collection: Bildnis, reprod. im LBIYB 6 (1961), S. 24/25.

Literatur

  • IA 1841, S. 87; ZRIJ 1844, S. 191; Dav. Kaufmann, Ges. Schr., Fft. 1908, I. B. 328 aus der Prager Zeit
  • AZJ 1840, S. 636-638; 1841, S. 407; Orient 1840, S. 298-300; 1842, S. 162, Berliner Rabbinerwahl
  • Orient 1845, S. 128, über „die bizarr-conservativen Vorträge des R.-A.’s Sachs“
  • AZJ 1850, S. 251, Ausschluß aus der Schuldeputation
  • M. Pinner, Denkschrift für die Juden Preußens, Berlin 1856, mit Polemik gegen Sachs auf S. 35-44. Autor wirft S. die durch seinen einflußreichen Freund Moritz Veit ermöglichte Dominanz in der Gemeinde vor und bemängelt, daß S. „ursprünglich nur das Lehrfach studirte und während seiner ganzen Jugend keine theologische Bildung erhielt, auch erst in Prag als Prediger sich im Talmud und in den rabbinischen Studien unterrichten ließ“ (S. 37)
  • David Cassel, Die Cultusfrage in der jüdischen Gemeinde von Berlin, Berlin 1856, S. 20-23 rühmt Sachs als Erneuerer der Berliner Gemeinde
  • Feier der silbernen Hochzeit: Neuzeit 1862, S. 103
  • JZWL 2 (1863), S. 263-267
  • Leichenpredigt: Manuel Joel, Rede an der Bahre des hingeschiedenen Rabbiners und Predigers M. S., Berlin 1864
  • Nachrufe: AZJ 1864, S. 143-146; Frankel in MGWJ 13 (1864), S. 115-116; Pascheles 5625 (1864), S. 79f erwähnt den „unwiderstehlichen Zauber“ seiner Rhetorik und rühmt, „daß er nicht blos das Schauspiel, den Ohrenschmaus eines guten Predigers bot, sondern mit allen Fibern seines warmen fühlenden Herzens für die Menschheit und die Stellung des Judenthums in ihr wirksam war“. Neuzeit 1864, S. 61, nennt ihn einen genialen Mann, der „aber seine von Wenigen verstandenen Bahnen wandelte. Sachs war nicht einer jener glücklichen Geister, deren Gedankenwelt zu Thaten und Werken erblühet, die dann ihrem Stifter zum Nachruf und Denkmal werden [...] Sachs war vielmehr eine Welt für sich, die mit der andern Welt sehr wenige Berührungspunkte hatte“
  • Graetz, Geschichte, Bd. XI (1870), S. 538-540; 3. Aufl. Bd. XI, S. 468, 538-544
  • Kayserling, Jüdische Kanzelredner, I 4f, II 308-318
  • Baeck, Geschichte, S. 503f
  • David Kaufmann in ADB 30 (1890), S. 131-133
  • Kayserling, Gedenkblätter, S. 71
  • Kayserling, „Jüdische Literatur“, S. 745f, 764, 799-802, 825, 862, 885
  • JE X 613, mit Bildnis
  • Schwarzschild, Frankfurt, S. 19-25, über die gescheiterte Berufung zum Rb. der IRG. Bei seinem Besuch in Frankfurt „machte Herr Dr. Sachs auch den besten Eindruck auf Alle, die ihm näher traten; es war ein grosser, schöner und feiner Mann, seine Sprache eine sehr gewählte; seine Frau eine vornehme, feine Dame“ (S. 21)
  • Joseph Eschelbacher, „M. S.“, MGWJ 52 (1908), S. 385-425, 540-559 (auch als Separatdruck)
  • J. Kastan, „Berliner Erinnerungen“, JJGL 27 (1926), S. 136f: „Es herrschte zwischen dem wegen seiner hinreißenden Beredsamkeit wie wegen seines vornehmen Wesens gleich verehrten Prediger und der Gemeindevertretung so etwas wie ein latenter Kriegszustand [...] Er beschränkte seinen Umgang auf wenige, ihm gleichgesinnte Freunde, zu denen besonders Dr. Moritz Veit gehörte“
  • JL IV2 30f, mit Bildnis
  • „M. S. zur Reform der preußischen Judengesetzgebung“, in: Ismar Elbogen, Josef Meisl und Mark Wischnitzer (Hrsg.), Festschrift zu Simon Dubnows siebzigstem Geburtstag, 1930, S. 251-258
  • Wininger V 310-312, mit einer dt. Übertragung der von Sam. David Luzzatto gedichteten Grabinschrift
  • S. Sachs, „Die Familie Sachs und ihre Verwandten in Glogau im 17. und 18. Jahrhundert“, Mitteilungen der Gesellschaft für jüdische Familienforschung 1931, S. 355-160, 389-392
  • Martin Salomonski, „Michael Sachs, Rabbiner und Lehrer“, Kleiner Almanach der Juden in Berlin 5699, Berlin 1939, S. 5-14
  • Eliav, Jüdische Erziehung, S. 282, 358, 384
  • EJ eng. XIV 595
  • V. Sadek, „La synagogue réformée de Prague (la „Vieille Ecole“) et les études juives au cours du 19e siècle“, Judaica Bohemiae 16 (1980), S. 119-123
  • Meyer, Response to Modernity, S. 124, 131, 140, 154: „Sachs was a master of the German language and a scholar in the new Wissenschaft tradition, but also a religious conservative with an intense, indeed romantic veneration for Jewish custom and ceremony“ (S. 124)
  • Franz D. Lucas und Heike Frank, Michael Sachs - Der konservative Mittelweg. Leben und Werk des Berliner Rabbiners zur Zeit der Emanzipation, Tübingen 1992
  • Wlaschek, Bohemia, S. 183
  • Fiedler, „Migracje ¿ydowskie“, S. 80
  • DBE VIII 488
  • Brämer, Rabbiner und Vorstand, S. 103f, 109f, 112, 129f, 141, 143f, 151f, 165f, 199f, 213, 216
  • Margit Schad, „Rabbiner Dr. Michael Sachs als Prediger: ’Ich muß einen neuen Menschen für die alte Lehre fordern’“, in: Michael Brocke, Aubrey Pomerance, Andrea Schatz (Hrsg.), Neuer Anbruch: Zur deutsch-jüdischen Geschichte und Kultur, Berlin 2001, S. 191-204
  • Wilke, Den Talmud und den Kant, S. 18, 402, 458, 573, 579-581, 588f, 610, 619, 623, 628, 653f, 673f
  • Margit Schad, Michael Sachs (1808- 1864). Judentum als „höhere Lebensanschauung“ - ein Weg zwischen Reformbewegung und Orthodoxie, Phil. Diss. Duisburg-Essen 2003 (noch unveröffentlicht), dort S. 465f Schriftenverzeichnis.