BHR Biographisches Portal der Rabbiner

HERZFELD, Levi, Prof. Dr.

  • Geb. 28. Dez. 1810 in Ellrich am Harz,
  • Gest. 11. März 1884 in Braunschweig
  • Sohn des Kaufmanns Ruben H. und der Friederike Levi, mit 15 J. zum Gymnasium in Nordhausen, mit 19 J. Abitur, lernt kurze Zeit bei Bing in Würzburg, dann bei Egers in Braunschweig. 27. Apr. 1833 imm. Berlin, Triennium mit Betreuung durch Rb. Öttinger, Rosenstein und Zunz, 8. Apr. 1836 prom. Berlin, 1836 Prediger und „Assistent“ des erblindeten Egers, der ihn auch ordiniert, Bewerber in Emden (1841), 1841 Leiter der Religionsschule, Gottesdienstreformer, führt Konfirmation und dt. Liturgie ein. Heirat mit Georgine Salomon. 1843 als Egers Nachfolger Landesrb. in Braunschweig, Gastgeber der 1. Rb.-Versammlung, Teilnehmer der 2.- 3.
  • entzieht sich in der Folge dem Meinungsstreit. Seine „mangelnde Wärme“ bei Predigten wird kritisiert („... ist den Leuten zu gelehrt gewesen, zu ’philosophisch’ ut dicunt“
  • Zunz)
  • doch er bemüht sich eigenen Bekennens, die verschwindende Religionsübung durch den „letzten Faden“ einer „Pietät für das Jüdische“ (Predigt 1880, bei Wilhelm, S. 69) und „ein eigenes, besonderes Gefühlsleben“ (AZJ 1871, 692) zu ersetzen. Einführung der Orgel 1875. Leitet mit Philippson und Goldschmidt 1860-73 das „Institut zur Förderung der israelitischen Literatur“
  • 25. Apr. 1879 Ernennung zum Professor.

Dissertation

  • Chronologia Judicum et primorum Regum Hebraeorum, Diss. Berlin 1836 (mit Widmung an Zunz).

Dokumente

  • JM Frankfurt/M., PSR B 070, fol. 73, Nr. 37, Familienbuch der jüd. Gem. Ellrich
  • CJA Berlin, 75 A Se Nr. 6, Schulinspektion in Seesen, 1851/53, 1867
  • CAHJP Jerusalem, TD 903 Braunschweig, enthält zwei Predigten von 1875
  • Ebd., Inv. 6599 enthält das Verzeichnis seiner Bibliothek vom 1. Dez. 1876; von den insges. 783 Bänden entfallen weniger als die Hälfte (387) auf Judaica.

Publikationen

  • Zwei Predigten gehalten zu Braunschweig, 1838
  • Kohelet, übersetzt und erläutert, Braunschweig 1838 (Rez. IA 1839, S. 102-104)
  • Mitarbeiter am Orient (1841-44)
  • Predigt, Braunschweig 1842
  • Das Deutsche in der Liturgie der Braunschweiger Synagoge, eingeführt noch unter dem seligen Landesrabbiner S. L. Eger, Braunschweig 1844
  • Zwei Predigten über die Lehre des Messias, 1844
  • „Einleitende Worte bei Eröffnung der ersten Rabbinerversammlung in Braunschweig den 12. Juni 1844“ und „Rede bei Enthüllung des Leichensteines für den verstorbenen Landrb. Herrn Sam. Eger, am 16. Juni 1844“, in Protokolle ... 1844, Anh. 3 und 5
  • Enthalten unsere biblischen Schriften wirklich nicht die Lehren, welche ihnen häufig abgesprochen werden? Predigt, 1845 [GJ]
  • Die religiöse Reform. Predigt zur Synagogeneinweihung, Nordhausen 1845
  • Vorschläge zu einer Reform der jüdischen Ehegesetze, mit Bezug auf Holdheims Buch zu dieser Frage, 1846
  • Drei Abhandlungen zur Synagogengeschichte: Über einige biblische Bücher - Die Entstehung der Quadratschrift - Die Entstehung des Bibel-Canons, Nordhausen 1846
  • Geschichte des Volkes Israel von der Zerstörung des Ersten Tempels bis zur Einsetzung des Makkabäers Schimon zum hohen Priester und Fürsten, Bd. I Braunschweig 1847; Bd. II-III u. d. T. Geschichte des Volkes Jisrael von der Vollendung des Zweiten Tempels etc., Nordhausen 1855-57; gekürzte Ausg. Leipzig 1870. Jost, Judenthum III 364: „ein sehr gelehrtes Werk [...] von mehr reformistischen Standpunkte; eine Arbeit deutschen Fleisses“
  • „Chronologische Ansetzung der Schriftgelehrten von Antigonos aus Socho bis R. Akiba“, MGWJ 3 (1854), S. 221-229, 273-277
  • „Wann war die Eroberung Jerusalems durch Pompeius, und wann die durch Herodes?“, MGWJ 4 (1855), S. 109-115
  • Tefillas Jisrael. Das Gebetbuch der jüdischen Gemeinde zu Braunschweig, 1855; 2. durch Anhänge etc. vermehrte Ausgabe 1874
  • „Zur Geschichte des Barkochba“, MGWJ 5 (1856), S. 101-111
  • „Über die Lage von Petra“, ebd., S. 186-189
  • Predigten, enthält 28 Pred. aus den Jahren 1841-44, Nordhausen 1858; 2. verm. Ausg. Leipzig 1863, 296 S
  • Minh. ath Zikkaron. Gabe für das Gedächtniß, enthält ein Vocabularium zu den hebr. Gebeten, eine Zeittafel der jüd. Geschichte bis zur Gegenwart, nebst Abriss der Geographie von Palästina, zum Gebrauche in jüd. Religionsschulen, Nordhausen 1861; 2. Aufl. Leipzig 1866
  • Predigt zum Jubelfeste des 1000jährigen Bestehens der Stadt Braunschweig, 1861
  • Eine Pfingstenpredigt, Leipzig 1863
  • Predigt zur Jubelfeier am 18. Octbr. 1863, Braunschweig 1863
  • Drei Predigten, Leipzig 1863
  • „Metrologische Voruntersuchungen zu einer Geschichte des ibräischen respektive altjüdischen Handels“, JJGJ 3 (1862), S. 95-191; auch separat in 2 Heften, Leipzig 1863-1865
  • Zwei Vorträge über die Kunstleistungen der Hebräer und alten Juden, gehalten 1863 im Kunst-Club zu Braunschweig, 1864
  • Revidirte Agende der Gebräuche und Gebete in Sterbefällen eingeführt in Braunschweig, 1866
  • Gutachten ausländischer Rabbinen, S. 17f, gegen die ungarische Trennungsorthodoxie
  • Zwei Predigten zur Einweihung der neuen Synagoge in Braunschweig, Braunschweig 1875 [Expl. JNUL S36-B-1493]
  • Handelsgeschichte der Juden des Alterthums. Aus den Quellen erforscht und zusammengestellt, Braunschweig 1879; 2. Aufl. 1894, darin S. iii-xlv Gustav Karpeles, „Biographische Einleitung“, über H. als „Reformjude“: „der gefährliche Zwiespalt zwischen dem Schriftsteller und dem Rabbiner existirt für ihn nicht [...] Er hat den Muth, das, was er als Schriftsteller erforscht hat, auch als Rabbiner zu bekennen [...] Es ist wichtig zu bemerken, dass Herzfeld schon mit diesen Anschauungen ins Amt tritt. Eine Entwicklung auf religiösem Gebiete, mit heissen Seelenkämpfen verbunden, hat er nicht durchgemacht [...] Es war ein Glück für Herzfeld, dass er einen Lehrer wie Eger und eine Gemeinde wie Braunschweig hatte. Die Kämpfe, die anderwärts die Gemeinden entzweien, waren in Braunschweig längst entschieden“
  • Einblicke in das Sprachliche der semitischen Urzeit betreffend die Entstehungsweise der meisten hebr. Wortstämme, Hannover 1883.

Bildmaterialien

  • Seine Totenmaske befindet sich im Braunschweigischen Landesmuseum laut Horst-Rüdiger Jaeck und Günter Scheel (Hrsg.), Braunschweigisches biographisches Lexikon, 19. und 20. Jahrhundert, Hannover 1996, S. 269; bzw. im Jüdischen Museum Hornburg laut Nicolaus Heutger, Jüdische Spuren in Niedersachsen, Münster 1997, S. 17.

Literatur

  • Fürst, Bibliotheca, I, S. 388
  • H.s Bibelkritik verschreckte die Orthodoxen. Christliche ATProfessoren, so schreibt Hildesheimer, „sind zwar nicht an unsere Tradition gebunden, wohl aber einige ihrer wackern Schüler. So z. B. der Rabbiner (!!!???) Herzfeld, bei dem es von Pseudos (Lüge) in seiner Geschichte des Volkes Israel wahrhaft wimmelt“ (Offener Brief an [...] Leopold Löw, Wien 1858)
  • Steinschneider, Bodleiana, Bd. II, Sp. 1040
  • Kayserling, Jüdische Kanzelredner II 206-221
  • Lippe 1879/81, S. 175-177
  • Nachruf in AZJ 1884, S. 203-204
  • Kayserling, Gedenkblätter, S. 31
  • Kayserling, „Jüdische Literatur“, S. 733, 746, 790, 826, 846f
  • Berliner Universitätsschriften, S. 632, Nr. 8381
  • Lippe 1899, S. 98
  • JE VI 370 mit Bildnis; Geburtsdatum hier 27. Dez. 1810, übernommen in EJ dt., DBE
  • JL II 1570f
  • Wininger III 84
  • EJ dt. VII 1221
  • Salo Baron, „L. H., the First Jewish Economic Historian“, in Louis Ginzberg Jubilee Volume, English Section, New York 1945, S. 75-104; auch in Baron, History and Jewish Historians, 1964, S. 322ff
  • ’Äns. iqlopädyah ‘ivrith XV 407f
  • Kurt Wilhelm, „L. H., der erste jüdische Wirtschaftshistoriker“ in Brunsvicensia Judaica, Braunschweig 1966, S. 59-70
  • EJ eng. VIII 406f
  • Asaria, Juden in Niedersachsen, S. 406f
  • Ebeling, Braunschweig, 1987, S. 370f u. ö
  • Meyer, Response to Modernity, S. 103
  • DBE IV 661
  • Brämer, Rabbiner und Vorstand, S. 89, 166f
  • Wilke, Den Talmud und den Kant, S. 117, 404, 550, 575, 579.