BHR Biographisches Portal der Rabbiner

HIRSCH, Samuel, Dr.

  • Geb. 8. Juni 1815 in Thalfang, Reg.-Bez. Trier, Kreis Bernkastel,
  • Gest. 14. Mai 1889 in Chicago
  • Sohn des Viehhändlers Salomon H. und der Sara Gottlieb. 1823 jüd. Schule am Heimatort, dann Talmudstudium an den Jeschiwot von Metz und Mainz, 1. Juni 1835 imm. Bonn, 18. Nov. 1837 imm. Berlin, 18. Nov. 1838 Wahl zum Rb. in Dessau: H. soll das Amt provisorisch auf zwei Jahre als Lediger versehen und zunächst Rabbinatsdiplome beibringen
  • nach Prüfung in Frankfurt/Oder stellt ihm Sam. Holdheim am 10. Febr. 1839 die Hattara aus. 23. März 1839 Amtsantritt, doch schon am 15. Sept. 1840 beantragt eine teils religiös, teils ökonomisch motivierte Gemeindefraktion seine Entlassung, so daß der Vertrag nach heftigem Konflikt zu Ostern 1841 ausläuft. 10. Feb. 1842 prom. Leipzig. Lehnt die ihm angebotene Predigerstelle in Essen ab und wird 1843 Großrb. in Luxemburg
  • 17. Aug. 1845 in Braunschweig Heirat mit Louise Micholis. Teilnehmer der 1.-2. Rb.-Versammlung
  • Bewerber in Kassel (1844) und um die Predigerstelle der Berliner Reformgenossenschaft (1846), Auswanderung in die USA, 1866 Rb. der Reformgemeinde „Keneseth Israel“ in Philadelphia als Nachfolger Einhorns, Polemiker gegen die Konservativen M. Jastrow und B. Szold (1868), Präsident der Rb.-Versammlung von Philadelphia (1869). Gründer des amerikanischen Zweiges der Alliance Israélite und des „Familien- Waisen-Erziehungsvereins“. 1886 geht er in den Ruhestand zu seinem Sohn Emil G. Hirsch (1851-1923), Prediger am Tempel „Sinai“ in Chicago.

Dokumente

  • AHU Berlin, Abgangszeugnisse, Bd. 182, fol. 139
  • UA Leipzig, Pro-Cancellar-Buch der Philosophischen Fakultät, B 128a, S. 147, Promotionseintrag
  • LA Oranienbaum, Abt. Dessau, Rep. C 15 [Judenschaft], Nr. 57, vom 10. Dez. 1838 Wahlbericht über Wahl in Dessau, 10. Feb. 1839 Hattara von Holdheim (fol. 127), 20. März 1839 Anstellungsvertrag (fol. 128f); 1. Apr. 1839 zusätzl. Vertrag für die Gem. in Jeßnitz; 15. Sept. 1840 Beschwerde: Hirsch sei Ausländer, habe nur eine statt drei Hattarot vorgewiesen, sei zu selten in der Synagoge anwesend, indes „einer der fleißigsten Besucher von Schankwirtschaften“, schaffe mit seiner Kritik an manchen Bräuchen „Zwiste und Parteiungen“, koste auch zuviel
  • Ebd. Nr. 67, vom 13. Dez. 1840 Abstimmung ergibt Mehrheit für Beibehaltung. Weiteres Für und Wider, so am 13. Dez. 1840 Lob von E. Lepke für Predigten und Religionsunterricht H.s, welcher „die seltene Gabe besitzt, indem er mit den nöthigen, einem Rabbiner unentbehrlichen Wissenschaften, gründliche Kenntniß des Hebräischen und Rabbinischen verbindet, aus diesen, gleich der Biene den Honig zu ziehen, und der alten Religion neuen Reiz zu verleihen verstehet“. 28. Jan. 1841 Gesuch H.s um autoritäre Anstellg. durch die Regierung, „als ja zunächst in Deutschland, Gottlob, nicht das Princip der Volkssouverainität vorherrscht“; er sei Opfer von „Lüge und Verläumdung“; 29. März 1841 erneute Abstimmung mit Beschluß: Entlassung
  • CJA Berlin, 75 A Ma 1 Nr. 17, fol. 77, Bewerbung in Mirosławiec (Märkisch-Friedland), Prov. Westpreußen
  • LHA Koblenz 403/936, Bl. 103f. Bewerbung in Krefeld aus Luxemburg, 1843.

Publikationen

  • Was ist das Judenthum und was dessen Verhältniss zu andern Religionen? Predigt zur Einsegnung seiner beiden Zöglinge Theodor und Oskar Heymann, Berlin 1838, 16 S
  • Friede, Freiheit und Einheit. Sechs Predigten, Dessau 1839, 114 S. (darin S. 1-25 Antrittspredigt, „Das geistliche Amt ein Friedensamt“, S. 21-22 „Falsche und echte Aufklärung“; Rez. IA 1839, S. 231)
  • Gott, der einzige Arzt. Religiöse Betrachtungen in 7 Predigten, Dessau 1840
  • „Offenes Sendschreiben an die Herren Aeltesten zu Dessau“, AZJ 1842 Nr. 15 Beilage
  • Das System der religiösen Anschauung der Juden und sein Verhältniß zum Heidenthum, Christenthum und zur absoluten Philosophie. Für Theologen aller Confessionen. Erste Hauptabtheilung: Die Apologetik. Erster Band: Die Religionsphilosophie der Juden, 10 Hefte Leipzig 1841-42; erschienen unter dem Titel Die Religionsphilosophie der Juden, oder das Prinzip der jüdischen Religionsanschauung und sein Verhältnis zum Heidenthum, Christenthum und zur absoluten Philosophie, Leipzig 1842; Nachdruck Hildesheim 1986 [GJ Köln, Bm-Hir]
  • Die Messias-Lehre der Juden in Kanzelvorträgen. Zur Erbauung denkender Leser, Leipzig 1843, 424 S
  • Das Judenthum, der christliche Staat und die moderne Kritik. Briefe zur Beleuchtung der „Judenfrage“ von Bruno Bauer, Leipzig, 1843, 128 S
  • Mitarbeiter der Zschr. Der Orient (1843-45)
  • Die Reform im Judenthum und dessen Beruf in der gegenwärtigen Welt, Leipzig 1844
  • Beitrag zu den Rabbinischen Gutachten gegen den Frankfurter Reformverein, 1844
  • Der rechte Kampf für die Wahrheit. Gast-Predigt in der Synagoge zu Schwerin, Schwerin 1846
  • Die Humanität als Religion, in Vorträgen, gehalten in der Loge zu Luxemburg, Trier 1854, xvi + 248 S. (Rez. FZ 10, 1856, S. 363-367; L 17, 1859, S. 73-76)
  • Systematischer Katechismus der isr. Religion, auf Beschluß des Vorstandes der isr. Gem. zu Luxemburg hrsg., Luxemburg 1856, iii + 188 S.; Neuauflage Philadelphia 1877
  • „Das Rabbinat in Frankreich und in Deutschland“, AZJ 1865, S. 549-553, mit einer Verteidigung der dt. „Gewissensfreiheit“ gegen die franz. „hierarchische Verfassung“
  • Das Nothwendigste aus der Formen-Lehre der hebräischen Sprache, nebst kurzem deutschen und englischen Wörterbuche zu den hebräischen Gebeten im ‘Olath Tamid [von David Einhorn] zum Gebrauche der Schüler der Reform-Gemeinde Keneseth Israel, Philadelphia 1867; 21878
  • Die Lehre, die uns Moscheh anbefohlen, ist Erbbesitz der Gemeinden Jacobs, Predigt, Philadelphia 1867
  • Predigt gehalten am „Schemini Azeret“, Philadelphia 1867
  • Dr. Jastrow und sein Gebaren in Philadelphia. Ein ehrliches, leider abgenötigtes Wort, Philadelphia 1868
  • „Darf ein Reformrabbiner Ehen zwischen Juden und Nichtjudwen einsegnen?“, JT 1869, Nr. 27, S. 9ff; Zeitgeist 1880, S. 108f
  • „Sermon, delivered by Rev. Dr. S. Hirsh of Philadelphia, on Sunday May 14th, the opening day of the German peace-festival“, JT 3 (1871/72), S. 196-198
  • Systematischer Katechismus der isr. Religion, Philadelphia 1877
  • Formenlehre der hebr. Sprache, 1878
  • Biblisches Lesebuch, Philadelphia [1878?]
  • Rev. Dr. David Einhorn. Gedächtniss-Rede, Philadelphia 1879
  • „Theorie und Praxis“, Der Zeitgeist 1 (1880), S. 162, über Friedhöfe und Begräbnisse
  • „Offenes Sendschreiben an Herrn Dr. K. Kohler“, ebd., S. 202f, über Mischehen
  • Unerhörte Pilpulistik. Offenes Sendschreiben an Rev. Dr. K. Kohler, Philadelphia 1880
  • Artikel in Archives Israélites und Die Deborah.

Bildmaterialien

  • JNUL Jerusalem, Schwadron Collection (Bildnis).

Literatur

  • IA 1839, S. 80, 135, 143, 229 (Anstellung in Dessau); Orient 1844, S. 234 (Audienz beim König der Niederlande)
  • Steinschneider, Bodleiana, Bd. II, Sp. 1042f
  • Benjamin Szold, Auch ein Wort über Jastrow und Hirsch, Baltimore 1868
  • Protokolle der Rabbiner-Konferenz abgehalten zu Philadelphia, vom 3. bis zum 6. November 1869, New York 1870
  • Baeck, Geschichte, S. 499
  • AZJ 1889
  • H. Steinthal, „Ein jüdischer Religionsphilosoph unseres Jahrhunderts“, AZJ 1895, S. 126ff
  • Kayserling, „Jüdische Literatur“, S. 803, 824, 837-839
  • Martin Blum, Bibliographie luxembourgeoise, Bd. I, S. 451
  • JE VI 417f, danach Geburtsdatum 8. Juni 1815
  • Kaufmann Kohler, „S. H.“, in: Kohler, Hebrew Union College and Other Addresses, Cincinnati 1916, S. 75- 81
  • JL II 1623 mit Bildnis
  • Wininger III 122
  • EJ dt. VIII 95f, Geburtstag hier 8. Juni 1809 (ebenso Wininger und DBE), Todesjahr 1884
  • Guttmann, Ha-filosofyah šäl ha-yehaduth, S. 282- 289
  • ’Äns. iqlopädyah ‘ivrith XIV 381f
  • E. L. Fackenheim, „S. H. and Hegel“, in: Alexander Altmann (hrsg.), Studies in Nineteenth Century Intellectual History, Harvard 1964, S. 171-201
  • Jacob Katz, „S. H., Rabbi, Philosopher and Freemason“, Revue des études juives 125 (1966), S. 113-126
  • Gershon Greenberg, „S. H., Jewish Hegelian“, Revue des études juives 129 (1970), S. 205-215
  • Gershon Greenberg, „Religion and History According to S. H.“, HUCA 43 (1972)
  • EJ eng. VIII 515f
  • Hans-Joachim Schoeps in Neue Deutsche Biographie Bd. IX (1972), S. 219f
  • Stern, „Philadelphia’s Reform Rabbis“, S. 184f
  • Gershon Greenberg, „The Historical Origins of God and Man. S. H.’s Luxembourg Writings“, LBIYB 1975, S. 129ff
  • Fremerey-Dohna und Schoene, Bonn, S. 87-89
  • W. Kluback, „The Jewish Response to Hegel: S. H. and Hermann Cohen“, The Owl of Minerva 18 (1986), S. 5-12
  • Meyer, Response to Modernity, S. 68, 72f, 201, 209, 239, 245, 255-257, 259, 263, 268f, 271: „The breadth of knowledge which he gained both in Jewish and in general philosophical and historical literature was matched by few Jews in early nineteenth-century Germany ... Over the years his views became progressively more radical“ (S. 72)
  • Battenberg, Bd. II, S. 159f (mit Bildnis), 162
  • Heinz Monz, „S. H. (1815-1889). Ein jüdischer Reformer aus dem Hunsrück“, Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 17 (1991), S. 159-180; auch in Hilde Weirich und Winfrid Krause (Hrsg.), Beiträge zur Geschichte der Juden in Thalfang, Spiesen-Elversberg 1995
  • Michael Zimmermann und Claudia Konieczek, Jüdisches Leben in Essen 1800-1833, Essen 1993, S. 14
  • Maier, Jüdische Religion, S. 653-654
  • Marcus (Hrsg.), American Jewish Biography, Bd. I, S. 271
  • Irene Kajon, „Hegel, la Wissenschaft des Judentums et S. H.“, in Gérard Bensussan (Hrsg.), La Philosophie allemande dans la pensée juive, Paris 1997, S. 115-127
  • DBE V 65
  • Brämer, Rabbiner und Vorstand, S. 116, 187-189, 212
  • Biografisch-Bibliografisches Kirchenlexikon, Bd. XIV (1998), Sp. 1091-1094
  • Wilke, Den Talmud und den Kant, S. 93, 112, 236.