Geb. 4. Nov. 1722 in Druya (Druja) an der Düna, Weißrußland,
Gest. 11. Nov. 1803 in Altona
Sohn des livländischen Landesrb. Jekutiel-Süßkind C. und der Bunia, 1734 zur Jeschiwa des Lion Asser gen. Ša’agath ’Aryeh in Minsk, 1736 Rückkehr in seine Heimatstadt und Heirat mit Tamar (gest. 1808) aus der Nachkommenschaft des Me’irath ‘Enayim, Josua b. Alexander Hakohen Falk von Lublin (lt. Tamars Grabstein währte die Ehe 68 Jahre und wurde folglich im Kindesalter geschlossen
lt. Duckesz heirateten die Brautleute erst als Achtzehnjährige). Nach sechs Jahren als Geschäftsmann und asketischer Privatgelehrter 1742 Nachfolger seines Lehrers als Jeschiwaleiter in Minsk, dann Oberrb. in Rakov mit zahlreichen Schülern, 1747 Rb. und Schulhaupt in Ukmerge (Wilkomierz), Litauen, 1757 Bezirksrb. in Smilovichi (Smilowitz) mit Zuständigkeit für die vierzig Landstädte und mehrere Hundert Dörfer des Minsker Oberlands, 1763 Oberrb. in Pinsk, reist 1771 zum Druck seiner Bücher nach Berlin und wird dort bekannt, allerdings nicht auf das Oberrt. berufen (nach anderer Version soll er einen Ruf abgelehnt haben), sechs Jahre lang Oberrb. in Posen, 1776 Oberrb. in der Dreigemeinde Altona- Hamburg-Wandsbek sowie der schleswig-holsteinischen Judenschaft. Zeugen seiner Predigten rühmten, daß er „aus dem Innern seines weisen Herzens einen reinen moralischen Vortrag hielt, der auf das Gemüth seiner Zuhörer so wunderbar wirkte, d[aß s]ie erschüttert in Tränen zerflossen“ (AZJ 1845, S. 193). Die von C. und den Gemeindeältesten ausgeübte strenge Kirchenzucht führt 1781-1782 zum Konflikt mit der Hamburger Gemeinde, der zufolge C. „sich erdreiste in Höchstdero Staaten ein Inquisitionsgericht aufzurichten und sich einer päpstlichen Gewalt anzumaßen“. C. wird am 8. Mai 1782 der Große Bann, später weitere Zwangsmittel entzogen
woraufhin er zum 4. Juli 1799 das Amt niederlegt und fortan von sechs Hausvätern ernährt wird. Er plante seine Auswanderung nach Jerusalem, konnte dieses Vorhaben wegen der napoleonischen Kriege aber nicht durchführen. War durch Heirat seiner Tochter mit dem Sohn des Öttinger Landesrb. der Großvater des liberalen Politikers Gabriel Rießer (1806-1863).
Dokumente
StA Hamburg, Cl. VII, Lit. Hf, Nr. 5, Vol. 1c, Fasc. 14-25 Prozesse mit Hamburger Juden wegen Bann und Gerichtsbarkeit, 1777-97; darin Fasc. 18 „Copia des von der würklichen Hamburger Juden Gemeine ausgefertigten, und dem itzigen Altonaischen Oberrabbiner [Raphael Cohen] vor seiner Ankunft eingeschickten Ehren- und Aufnahme-Briefes, nebst dessen eigentlicher Diploma, und beifolgenden Conditionen“, 1782. Die Hamburger Judenältesten machen C. vor allem seine Gebührenforderungen zum Vorwurf. „Wir können es nicht verhehlen, sondern müssen, da wir zu unserem Leidwesen dazu gezwungen werden, es laut sagen, daß noch kein einziger seiner Vorfahren sich eines so unerträglichen Dominats über seine Glaubensbrüder angemasset hat, als er. Niemals hat sich ein Oberrabbiner vor ihm unterstanden, so weit um sich zu greifen, und gegen alles Herkommen solche Neuerungen zu wagen, als er; Neuerungen, die insgesamt darauf abzielen, um sich auf alle ersinnliche Weise von seinen Glaubensgenossen zu bereichern, wenn auch Witwen und Waisen, ja ganze Familien darüber zu Grunde gehen sollten“ (Fasz. 18, 25. Apr. 1781)
LA Schleswig, Abt. 65.2, Nr. 3802-3803 bewahrt die dänische Aktenüberlieferung dieser Auseinandersetzungen.
Manuskripte
Homilien und Talmudauslegungen in einer Hs. bei Michael, ’Os. ar ha-H. ayyim, Nr. 788f
LA Schleswig, Abt. 65.2, Nr. 3803 Bd. II, vom 17. Nov. 1781 umfangreiche Rechtfertigung im Fall S. Marcus (96 S., mit Anlagen)
Ebd., Abt. 65.2, Nr. 439, Bd. I, vom 2. Juli 1782, Rechtfertigung in einem anderen Disziplinarfall mit der Klage, „daß das unter unserer Nation täglich mehr und mehr überhand nehmende frivole Quäruliren und Suppliciren mir bey meiner Amtsführung zur enormen Belästigung gereiche“
Ebd., vom 24. Mai 1785 Verteidigung des frühen Begräbnisses mit allgemeiner Darstellung der rabbinischen Rechtsquellen (Abschrift)
Ebd., Abt. 65.2, Nr. 3803 II, vom 2. August 1793 umfangreiches Gutachten über die „mesiras medocha“; 19. Oktober 1795 dgl. über Vormundschaftsrecht.
Publikationen
Torath Yequthi’el Kasuistik zu YD Schächtung, Fleischbeschau, Fleischsalzung, Fleischig/ Milchig und Mischungen, im Anhang Responsen u. a. über Eherecht (Kinderehen, Agunot, Unfruchtbarkeit etc.), Berlin 1772, 184 Bl. + 20 Bl.; das Werk und der Autor wurden von Saul b. Hirschel Berlin im Mis. päh Yåqthe’el (1789) verunglimpft. Photomech. Nachdruck Brooklyn 1970
Marpe’ Lašon [Prov 15,4] Erbauungsbuch, aufgeteilt in die sechs „Säulen“ Gottesfurcht, Umkehr, göttl. Lehre, Rechtlichkeit, Gottesdienst, Jüngstes Gericht, Altona 1790, 130 Bl.; kommentierte Neuausg. Wilna 1875, Brooklyn 1966, Bne Brak 1987
Wešav ha-Kohen [nach Lev 14,39], 101 weitere Responsen, mit einem Anhang Ša’alta ha-kohanim torah [nach Hag 2,11] Talmudauslegungen zu Zevah. im, Menah. oth, ‘Arachin, Temurah, Kerithoth, Megillah und Yoma’, Altona 1792, 169 + 48 Bl., photomech. Nachdruck Jerusalem 1968, Brooklyn 1969
Zechär S. addiq [Prov. 10,7], sieben Homilien, hrsg. mit einer Biografie des Autors von Lazarus Rießer, Altona 1805; Neuausg. beider Predigtbände Wilna 1879
Dreiundzwanzig Approbationen, datiert Pinsk 1765-1767, Berlin 1771-1773, Posen 1774, Hamburg 1775, Posen 1775-Ijar 1776, Hamburg Ijar 1776, Posen Siwan 1776, Altona und Hamburg 1781-1803; Löwenstein, Index, S. 93, 114. Werkausgabe. Die erwähnten photomech. Nachdrucke aus Brooklyn, hrsg. von einer Kommission Wa‘ad “Wešav ha-Kohen“ in Brooklyn, bilden eine Gesamtausgabe: Bd. I (1966) enthält Marpe’ Lašon und die Homilien, Bd. II (1969) und Bd. III (1970) die beiden Responsenbände.
Epigraphik
Sein Grabstein und der seiner Frau auf dem Friedhof Königstraße in Hamburg-Altona; siehe Grunwald, Hamburgs deutsche Juden, S. 239f; Photographie bei Studemund-Halévy, Erinnerung, S. 152; Inschriften bei Duckesz, ’Iwah leMošav, hebr. S. 70f; als Sterbetag wird der 26. Cheschwan 5564 angegeben; zwei Tage nach seinem 81. Geburtstag. Er habe die „Kriege des Herrn“ gekämpft und „füchtete keinen Menschen“.
Bildmaterialien
Porträtstich von 1789; Wolfsberg-Aviad, Drei-Gemeinde, gegenüber von S. 62; Freimark, „Porträts von Rabbinern“, S. 42f; Bauche (Hrsg.), Vierhundert Jahre, S. 209; Grunwald, Hamburgs deutsche Juden, S. 143, nennt auch eine Karikatur mit der Unterschrift „Bildniss des berüchtigten Raphael Siskind Cohen Jockesiel, Ober-Land-Rabbiner über Hamburg, Altona und Wandsbeck, geb. in dem Dorfe Pulsk nicht weit von Posen“. Der Ortsname, wohl eine Verballhornung von Pułtusk (bei Warschau) dürfte fiktiv sein. Mehrere Porträts in JNUL Jerusalem, Schwadron Collection.
Literatur
Hamburger Correspondent, 17. Juli 1779 (Nr. 114): „Altona. Der hiesige Ober-Landesrabbiner hat alle diejenige Juden in den Bann gethan, welche die Uebersetzung der Bücher Moses, die Herrn Moses Mendelssohn in Berlin zum Verfasser hat, lesen würden“. Die Nachricht wurde später dementiert
A. F. Cranz, Ueber den Mißbrauch der geistlichen Macht oder der weltlichen Herrschaft in Glaubenssachen duch Beyspiele aus dem jetzigen Jahrhundert ins Licht gesetzt, Berlin 1781, über den von C. ausgeübten Bartzwang und den 1781 ergangenen Bann gegen Samuel Marcus, der behauptet hatte: „Die Thora wäre zwar gut, aber Diebe und Spitzbuben hätten sie in Händen und falsche Translateurs hätten sie verfälscht“ (S. 29)
Salomon Maimon, Lebensgeschichte von ihm selbst geschrieben, hrsg. Karl Philip Moritz, Berlin 1792-93; in: Maimon, Gesammelte Werke, Bd. I, Hildesheim 2000, über seine Begegnung mit C., der ihn wegen seiner freigeistigen Ansichten mit dem Bann bedrohte
Leichenklage seines Nachfolgers Hirsch Samotsch bei Duckesz, ’Iwah leMošav, hebr. S. 72-74
Sam. Holdheim, Autonomie der Rabbinen, S. 4, „die Rabbinen, die ihn [d. i. Mendelssohn] und seine Uebersetzung des Pentateuchs so gern in den Bann gethan hätten, fühlten dunkel, welch gefährlichen Feind sie in ihm zu bekämpfen hatten“
MGWJ 14, S. 261
Graetz, Geschichte3, Bd. XI, S. 41, 138, 155-157, 391, 557f. „Salomon Maimon nannte diesen Rabbiner von Posen und Fürth ‘einen göttlichen Mann’, was aus diesem Munde nicht als Übertreibung angesehen werden kann“ (S. 41)
„R. Raphael Cohn. Ein Lebensbild aus dem vorigen Jahrhundert von C.“, Jüdische Presse, 1872, S. 276, 298-300, 306f, 323f, 347f
Landshuth, ’Anše Šem, S. 81, 87
Dembitzer, Kelillath Yofi, Bd. II, S. 78b
Eisenstadt, Rabbane Minsq, S. 17
JE X 318f, hat als Sterbetag den 26. Nov
Grünwald, Hamburgs deutsche Juden, S. 84f
Duckesz, ’Iwah leMošav, hebr. S. 63-74, dt. S. XXVf
Chones, Poseqim, 1910, S. 417f
JL III 749
Wininger III 486
EJ dt. X 173-175
Y. Wolfsberg, in Fishman-Maimon (Hrsg.), ‘Arim we’immahoth beYiœra’el, Bd. II, S. 32f
B. Katz, Rabbanuth, h. asiduth, haœkalah, S. 220
Zinberg, Sifruth, Bd. V, 1959, S. 124-127
Wolfsberg-Aviad, Dreigemeinde, S. 65f
M. Samet in Qiryath Sefär 43 (1968), S. 430f
M. Samet in Gedenkschr. Z. Avneri, 1970, S. 246-248
EJ eng. X 1139f
’Äns. iqlopädyah ‘ivrith XX 612
Jacob Katz, Out of the Ghetto, S. 136, 148, 194
Halperin, ’At. las ‘Es. H. ayyim, Bd. IX (1982), S. 120, Nr. 1206
Jacob Katz, „R. Refa’el Kohen, yerivo šäl Mošäh Mendelson“, Tarbis. 56 (1987), S. 243-265, nachgedruckt in Katz, Halachah bemes. ar, Jerusalem 1992, S. 21-42
Freimark, „Entwicklung des Rabbinats“, 1989, S. 12, über die Bannkontroverse
Maier, Jüdische Religion, S. 495
Freimark, „Oberrabbinat“, S. 182
Muczyñski, „Poznañscy rabini“, S. 55f
PK Poznañ-Pomerania, S. 10
Biografisch- Bibliografisches Kirchenlexikon, Bd. XIX (2001), Sp. 821-826
Feiner, Mahpechath ha- Ne’oruth, siehe Index, S. 454