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WORMSER, Seckel Löb, volkstümlich „der Baalschem von Michelstadt“

  • Geb. 1768 in Michelstadt im Odenwald,
  • Gest. 16. Sept. 1847 das
  • Sohn des Michelstädter Tuchhändlers Matthes und der Sorle. Seine väterlichen Großeltern waren Jettle, Tochter des kurpfälzischen Landesrb. Matthes Ahrweiler, und Jakob Michelstadt, Urenkel des „Wormser Baalschem“ Elias Loanz (1564-1636), daher die Wahl des Familiennamens im Jahr 1808. Wird für den Handelsberuf erzogen und erhält Talmudunterricht beim Vorsänger
  • Ende 1783 geht er nach Frankfurt, wo er fünf Jahre lang u. a. an der Jeschiwa des Kabbalisten Nathan Adler studiert. Rabbinische Diplome erhält er aus Aschaffenburg, Hanau und Öttingen. 1789 heiratet er Adelheid Reiß, Tochter des Frankfurter Kaufmanns Eisik R., kehrt in sein Vaterhaus nach Michelstadt zurück und leitet dort eine Jeschiwa, die um 1800 gegen siebzig Schüler zählt. Neben den rb. Schriften studiert er auch die idealistische Philosophie insbes. Schellings und die Pädagogik der Zeit. Seit 1798 lebt er nach einem Asketengelübde (minimale, vegetarische Ernährung, Verzicht auf Haar- und Bartscheren u. a.)
  • von 1803 datieren die ersten Klagen und Urteile gegen ihn wegen unbefugter rb. Amtsausübung. Dies und seine kabbalistische Religiosität bringen ihn in Konkurrenz zum Vorsänger und in Konflikt mit der Gemeinde. 1809 verwitwet, zieht er 1810 nach Mannheim, wo er durch die Heilung einer geisteskranken Sechzehnjährigen seinen Ruf als Wundertäter („Baalschem“) begründet. Zweite Ehe mit Hanna Benzinger aus Mannheim (die manche Biographen mit der Geheilten identifizieren) und Rückkehr nach Michelstadt, wo Hilfesuchende zu ihm wallfahrten. Darf vermöge Reskripts vom 21. Dez. 1811 in Michelstadt sowie in den Odenwaldorten Bad König, Bernfelden, Fränkisch-Crumbach und Reichelsheim „die Verrichtungen eines Rabbi ausüben“, wird 1823 als Bezirksrb. der Odenwaldgemeinden (Gft. Erbach) anerkannt. Aus seinen beiden Ehen hatte er zwölf Kinder. Durch Spenden vor allem aus Frankfurt und Mannheim finanzierte er verschiedene Wohltätigkeitsinitiativen sowie seine Jeschiwaschüler, für die später auch einen zweiten Talmudlehrer, Bär Feuchtwanger, anstellte.

Dokumente

  • StA Darmstadt, Bestand G15 Erbach, L 272 und 306, Rabbinat Michelstadt. Verordnungen vom 16. Okt. 1803, 13. März 1804 und 20. Dez. 1810 hatten es W. auferlegt, „sich bei Verlust seines Schutzes auf keinerley Weise in Religions-Angelegenheiten zu mischen“. Als Grund wird am 3. April 1811 angegeben: „Der Supplicant mag wohl die, zu Verichtung der Rabbiner-Geschäfte nöthigen Kentniße besizzen, indem nicht zu leugnen ist, daß er eine beträchtliche Bibliothek führt, und in dem Ruf eines jüdischen Gelehrten steht. Die Erfahrung hat aber gezeigt, daß, so oft er sich in jüdische religiöße Angelegenheiten mischt, durch seine cabalistische Schwärmerey Spaltungen, Uneinigkeit und Unordnung bey der Judenschaft entstand, so daß er darüber einige mahl polizeyliche Correction erhielt“
  • Zürich, Ms. Heidenheim 206, enthält das Verzeichnis seiner zweiten Bibliothek.

Manuskripte

  • Wormsers Haus samt der umfangreichen Bibliothek wurde 1825 von einer Feuersbrunst vernichtet. Seine späteren Manuskripte sind im Privatbesitz seiner heutigen israelischen Nachfahren verblieben. Im CAHJP Jerusalem liegen folgende Mikrofilme vor: HM 1049 A Korrespondenzund Kassenbuch 1840-45; HM 1049 B idem 1845-47; HM 1049 C idem 1831-41, mit Ablichtungen von Originalen, die sich vor einer Generation im Besitz von Dr. Raphael und Rachel Straus in Jerusalem befanden. HM 1050 enthält erziehungstheoretische Aphorismen, datiert „Michelstadt, im Jahre 5586 [1825/26]“; die originalen Hefte gehörten dem Rechtsanwalt Mordechai Noy (Manfred Neuberger, 1906-2001), der mit einer Frankfurter Ururenkelin des Baalschem verheiratet war, und sind nun im Besitz seines Schwiegersohns Prof. Joel Goldberg von der Bar-Ilan University. Das erste Heft ist 80 Seiten stark und betitelt Qunt. res ha-Yedi‘oth leha-lomed umelammed, ’ašär t. afah. ti weraviti ‘al pi ha-beh. inah umes. a’tim nechonim ure’uyyim lemos. ’e da‘ath mevaqqešim lilmod beverur uvahavanah ba-šoräš uva-maqor bechol ha-meqomoth. Das zweite, von 115 Seiten, heißt Qunt. res ha-Haqdamoth, limmudim we‘inyene darche hora’ah ha-nims. a’im weha- noge’im ba-limmudim, liqet. anim, benonim ugedolim, lah. aluše da‘ath ulegibbore koah. , limešot. t. e neharoth weyorede ha-yammim, lah. achamim unevonim. Eine thematisch geordnete Auswahl aus beiden Heften erschien unter dem Titel „Qunt. res ha-Yedi‘oth“, in: Ba‘al Šem mi-Michälšt. a’t. : H. iddu[še] th[orah] uthešuvoth, haggahoth ŠaS weŠu‘A, yedi‘oth uchelalim, hrsg. Meir Hildesheimer und Pesach Jakob Jabrow, Jerusalem 1983, S. 25-48 (zweite erweiterte Auflage 2000).

Bildmaterialien

  • JNUL Jerusalem, Schwadron Collection (Bildnis). Porträt auf Glas gemalt; R. D. Barnett, Catalogue of the Permanent and Loan Collections of the Jewish Museum London, Ldn. 1974, S. 157, Nr. 913.

Literatur

  • Orient 1847, S. 332
  • Michael Wormser, Das Leben und Wirken des zu Michelstadt verstorbenen Rabbiners Seckel Löb Wormser, 1853. Betrachtet W. allein als Wohltäter und Philosophen, da „die Zeitumstände es nicht erlauben, auf die andere Seite seiner Wirksamkeit einzugehen“. Kabbala und Talmud bleiben unerwähnt
  • Arthur Kahn, „Ein ungelöstes Rätsel“, in JP, Beilage „Sabbatstunden“, 1893
  • Löwenstein, Kurpfalz
  • Judaeus [d. i. Herz Ehrmann], Der Baalschem von Michelstadt, 1907; Fft./M. 1913; hebr. Übs. Tel Aviv o. J. Aus dieser romanhaften Darstellung sind allein die Seiten 32-35 und 148-150, geschöpft aus den verlorenen Memoiren eines Schülers, historisch von Belang
  • Mathilde Maier, Die Geschichten des Wunderrabbi von Michelstadt, o. O., o. J
  • I. Günzig, Die „Wundermänner“ im jüdischen Volke, ihr Leben und Treiben, Antwerpen 1921
  • Franz Babinger in Hessische Biographien, Bd. II (1924), S. 171ff
  • JL IV2 1502, mit Bildnis
  • JJLG 20 (1929), S. 190
  • EJ dt. III 834f
  • Wininger VI 329f
  • Lebermann, „Landesrabbinat“, S. 190
  • Hallah. mi, H. achme Yiœra’el, S. 277f
  • Rahel Straus, Wir lebten in Deutschland, Stuttgart 1961
  • Eli Straus, „Eine Stammtafel unserer Familie“, LBIB 6, Nr. 21-24 (1963), S. 52-66; hebr. Übs. von M. Noy im Selbstverlag, 1968
  • EJ eng. XVI 649f, mit Bildnis
  • Paul Arnsberg, „Der Baalschem von Michelstadt“, AJW vom 16. Feb. 1968
  • Ders., Hessen, Bd. I, S. 59, 298, 370; Bd. II, S. 73, 78ff, 210
  • Scholem, „Letzte Kabbalisten“, S. 226f
  • W. Stern, „Der Baalschem von Michelstadt“, Allgemeine jüdische Wochenzeitung 30. Nov. 1973
  • Martin Schmall, „Seckel-Löb Wormser, der Baalschem von Michelstadt“, in Schmall, Die Juden in Michelstadt, 1658-1942, Michelstadt 1978, S. 54-62
  • Halperin, ’At. las ‘Es. H. ayyim, Bd. IX (1982), S. 162, Nr. 1695
  • Meir Hildesheimer, „Torah weh. åchmah. Demutho ha-hist. orith šäl Rabbi Lev Wormser (’Ba‘al Šem mi-Michäl Št. a’t. ’)“, PAAJR 53 (1987), hebr. Teil S. 7-28
  • Rosenfeld, „Talmudschule“, S. 87
  • Raphael Straus, „The Baal-Shem of Michelstadt. Mesmerism and Cabbala“, Kabbala und Romantik, Tübingen 1994, S. 207-217
  • Renate Heuer gibt als Geburtsort Worms und als Todesdatum den 13. Sept. an
  • Karl E. Grözinger, „Der Baalschem von Michelstadt und die Frankfurter Kabbalisten“, Menora 1996
  • Brämer, Rabbinat und Vorstand, S. 142, 148
  • Karl E. Grözinger, „Seckel Löb Wormser - der Baalschem von Michelstadt - zum 150ten Tage seines Todes“, Aschkenas 10,1 (2000)
  • Wilke, Den Talmud und den Kant, S. 92, 115, 170, 185, 231, 233, 252f
  • Mitteilungen von Avraham Frank, Jerusalem, 13. Sept. 2003.