Geb. ürtig Isaac STERN, geb. 28. Mai 1843 in Niederstetten, Württ.,
Gest. am 1. April 1911 in Stuttgart.
Sohn des Handelsmannes Moses S. und der Flora, geb. Frankfurter
lernte in Zell nahe Würzburg bei Mendel Rosenbaum, dem Anführer der unterfränkischen Orthodoxie, sodann anderthalb Jahre an der Jeschiwa in Preßburg (Bratislava), drei Jahre Gymn. in Stuttgart, 1866 Abitur und imm. zum Univ.-Studium in Tübingen mit einem Stipendium der Zentralkirchenkasse. 1869 erste württ. Dienstprüfung, dann zurück nach Niederstetten, wo er auf eine Stelle wartete
Anfang 1872 Verehelichung mit der Tochter eines vermögenden Weinhändlers in Niederstetten, wurde aber von seinem orthodox gesinnten Schwiegervater wegen religiöser Differenzen nur wenig unterstützt und befand sich in materiell bedrängter Lage. Nov. 1873 Rabbinatsverweser in Mühringen b. Horb, 1874 zweite Dienstprüfung und Rb. in Buttenhausen b. Münsingen, 1879 Disziplinarverfahren wegen Verfehlungen gegen das Ritualgesetz, u. a. Konzertbesuch an Jom Kippur
seine Gegner lasteten ihm zudem an, er verschaffe „unsittlicher Lecture“ Eingang in der Gemeinde. Schied 1880 aus dem Amt
seit 1881 sozialistischer Politiker, Schriftsteller u. Journalist in Stuttgart, zum Christentum übergetreten. Hielt im Mai 1886 auf dem Stuttgarter Freidenkerkongress eine Rede mit dem Titel „Halbes und ganzes Freidenkertum“
schrieb den Programmentwurf für den Erfurter SPD-Parteitag von 1891. Seit 1903 kein öffentliches Auftreten mehr, an Depressionen und Darmkrebs erkrankt
Freitod durch Revolverschuß.
Dissertation
Juli 1880 Promotionsgesuch in Tübingen mit der Abhandlung Thierquälerei und Thierleben in der jüdischen Literatur; auf Anraten der Fakultät zog er sein Gesuch kurz darauf zurück.
Dokumente
UA Tübingen 131/30b, 30
HStA Stuttgart, Best. E 201c, Büschel 53, vom 3. Dez. 1879 bis 5. März 1883, Disziplinarverfahren gegen S
http://www.leobaeck.org/ARCH2. HTM (last visited 02.06.2008), Nr. 647, Hellmut G. Haasis, 1. Rabbiner Jacob Stern. Ein Portrait des sozialdemokratischen. Publizisten [unter dem gleichen Titel Radiosendung, (30 Min.), Süddeutscher Rundfunk 18.09.1987], 2. Ein armer Teufel, der ums liebe Geld schrieb. Leben und Werk Jacob Sterns.
Publikationen
Gottesflamme. Religiöse Reden über die Festtage und Wochenabschnitte, 2 Bde. Leipzig 1872-1873
„Randglossen zur heiligen Schrift“, JLB 4 (1875)
Der alte und der neue Glaube im Judentum, 1878
Festpredigten, Eßlingen 1878
„Notizen. Replik“, JLB 7 (1878)
Die Frau im Talmud, 1879
Lehrbuch der Vernunftreligion (Pseudonym: Pater Ambrosius), 1879
Wucher und Intoleranz, 1879
Jesus, ein Reformator, 1880
Jüdische Speisegesetze, 1880
Mischehe zwischen Juden u. Christen, 1880
Thierquälerei und Thierleben in der jüdischen Literatur. Den Thierschutzvereinen gewidmet, Zürich 1880
Ägypten und Palästina oder Religion und Politik, 1881
Ist der Pentateuch von Moses verfaßt?, 1881
Lichtstrahlen aus dem Talmud, 1882; Nd. 1929
Die Religion der Zukunft, 1883; 2. Aufl. 1884
Unbeschränkte Volksvermehrung, 1883
Giebt es Gespenster?, 1884
Halbes und ganzes Freidenkertum, 1886
Schopenhauer, 1888
Einfluß der sozialen Zustände auf alle Zweige des Kulturlebens, 2. Aufl. Stuttgart 1889
Der „historische Materialismus" und die „Theorie des Mehrwerths" von K. Marx, München 1894
Des Kindes Anstandsbuch, 1894
Morgenroth: Sozialdemokratische Fest- , Stuttgart 1894 - Das Lexikon der feinen Sitte. Neuestes Universalbuch des guten Tones und der feinen Lebensart. Praktisches Hand- u. Nachschlagebuch für alle Fälle des gesellschaftlichen Verkehrs (Pseudonym: Kurt Adelfels), 1899; Nd. 1926
Lexikon des Lebensglücks, 1900
„Substanz- und Causalitätsidee“, Sozialistische Monatshefte 8 (1904), S. 824-828 [http:// library.fes.de/sozmon/somo-zeit.html (last visited 04.12.2007)]
„Geschichtsmaterialismus und Philosophie“, Sozialistische Monatshefte 9 (1905), S. 147-149 [http://library.fes.de/ sozmon/somo-zeit.html (last visited 04.12.2007)]
Der Zukunftsstaat. Thesen über den Sozialismus. Sein Wesen, seine Durchführbarkeit und Zweckmäßigkeit, 5. Aufl. Berlin 1906
Gott? Gottglaube oder Atheismus?, 1907
Dr. Sal. Rubin, 1908
Tod der Todesstrafe, 1909
Der theologisch-politische Traktat (Spinoza), neu übersetzt und mit einem biographischen Vorwort versehen, 3. Aufl. Leipzig 1928
Vom Rabbiner zum Atheisten. Ausgewählte religionskritische Schriften, hrsg. von Heiner Jestrabek, Aschaffenburg/Berlin 1997. Er hinterließ etwa vierzig eigenständige Publikationen sowie eine große Anzahl von Aufsätzen und Zeitungsartikeln. Seine Themen umfaßten nicht nur Theologie, Philosophie und Politik sondern auch Drama, Komödie und Satire; er benutzte insgesamt mindestens 17 Pseudonyme.
Bildmaterialien
Roland Deigendesch u. Annemarie Mayer, Juden in Buttenhausen. Ständige Ausstellung in der Bernheimer’schen Realschule Buttenhausen [Schriftenreihe Stadtarchiv Münsingen 3], Münsingen 1994; Nd. 2004, S. 48.
Literatur
Wininger VI, S. 18
Tänzer, Württemberg, 1937/1983, S. 75
Alfred Fritz, Die Geschichte und Entwicklung der Juden in Buttenhausen, Diss. Stuttgart-Hohenheim, 1938, S. 75
Sauer, Württemberg und Hohenzollern, 1966, S. 56
Utz Jeggle, Judendörfer in Württemberg, Tübingen 1969, S. 137-144
PK Baden-Württemberg, S. 60, 115
Juden und ihre Heimat Buttenhausen. Ein Gedenkbuch zum 200. Jahrestag des Buttenhausener Judenschutzbriefes am 7. Juli 1987, hrsg. von der Stadt Münsingen, bearb. von Günter Randecker, Münsingen 1987, S. 52-55
Hellmut G. Haasis, „Ich bin ein armer Teufel, der ums liebe Brot schreibt.“ Zum 150. Geburtstag des württembergischen Reformrabbiners und sozialistischen Schriftstellers Jakob Stern (1843-1911) aus Niederstetten, Vortrag in Niederstetten und Bad Mergentheim am 27./28. Mai 1993; als Manuskript (Auflage: 20); 2. Aufl. Paris/ Mannheim/Berlin (Der Freiheitsbaum) 1993, sowie in Allmende. Zeitschrift für Literatur 13 (1993), S. 118-136